Aus den Hauptstädten der WeltDie neue Habimah in Tel Aviv

Fußball-Depressionen – Das überfremdete National-Theater – Hamlets altes Schwert – Wenn Stachelschweine keine Tore schießen von Erich Gottgetreu

Von Erich Gottgetreu

Die israelische Fußball-Nationalelf ist mit erschüttertem Selbstvertrauen in die etwa zweitausend Meter hohen äthiopischen Berge abgeflogen, um sich dort auf Mexiko vorzubereiten, wo ja im Juni die Weltmeisterschaft in ähnlicher Höhe ausgetragen wird.

Das Unbehagen kommt daher, daß die Israelis, nachdem sie in Sydney durch viel Glück in die vorderste Reihe der Fußbailänder aufgerückt waren, in Tel Aviv wieder was Ordentliches aufs Fußballdach bekommen haben, als sie von Borussia Mönchengladbach 6:0 geschlagen wurden. Erstmals in der Geschichte des einundzwanzig Jahre alten Staates war das nationale Selbstbewußtsein ernstlich erschüttert. Was weder Nasser noch Arafat erreichten, gelang Borussias Torschützen. Mindestens einige Tage lang war die sport-enthusiastische Jugend von der „Borussianitis“, der neuesten Form der Depression, befallen. Und im Parlament in Jerusalem fragte ein Abgeordneter verzweifelt, was die Regierung dagegen zu tun gedenke, „daß sich derartige Demütigungen wiederholen“.

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Prompt folgten dann auch die üblichen Angriffe auf die Staatsexekutive, die beschuldigt wurde, der sportlichen Ertüchtigung derjugend nicht genügend Aufmerksamkeit zu widmen. Das ist sicher ein unberechtigter Vorwurf angesichts eines staatlichen Erziehungsprogramms, das allen Jugendlichen im vormilitärischen Alter innerhalb der Gadna-Organisation vollste pfadfinderische und allgemeinsportliche Ausbildung zukommen läßt.

Es gibt auch Stimmen, die von der Regierung, trotz ihrer unvermeidlichen Verschuldung durch Waffenkäufe, verlangen, daß sie mehr Geld für die Förderung der Künste und für die rasche Herbeiführung eines neuen perikleischen Zeitalters (auf hebräisch) bereitstellt. Jedoch der Finanzminister glaubt, daß bei aller Schätzung hochfliegender künstlerischer Bemühungen die erforderlichen Subventionen durch philantropische Zuwendungen ausländischer Freunde aufgebracht werden müßten. Das gilt nicht zuletzt auch für die erheblichen Budgets der Universitäten des Landes. Nur in einem Falle zeigte sich die Regierung finanzwilliger als sonst, indem sie sich bereit erklärte, sich mit der Stadtverwaltung von Tel Aviv zu gleichen Teilen an den Kosten 7 Millionen Israelpfund) zu beteiligen, die der totale Umbau des Theatergebäudes der Habimah verlangt hat. Die Regierung betrachtet sich für ein würdiges Heim fürs älteste Landestheater um so eher verantwortlich, als sie der Habimah offiziell den Status eines „Nationaltheaters“ verliehen hat.

Es wirkt wie eine Ironie der Geschichte, daß die 1916 in Moskau gegründete Habimah aus jener künstlerischen Freiheitsbewegung hervorging, die durch die Hoffnungen und Sehnsüchte der Russischen Revolution entstand – also auch eine jener Einrichtungen wurde, die die sowjetischen Herren von heute am liebsten fressen würden – und das nicht aus Liebe. Aber zunächst glaubten die begeisterten russischen Juden, daß man innerhalb der Union der Sowjetvölker auch den Traum des Zionismus und seiner Sprache würde leben können, wozu sie vor allem auch durch die Zustimmung, ja Begeisterung der russischen Intelligenzija ermutigt wurden. Kein anderer als der russische Theatergott jener Jahre, Stanislawskij, adoptierte die Habimah als eins der Studios des Moskauer Künstlertheaters und stellte ihr seinen Meisterschüler Jewgenij Wachtangow als Regisseur zur Verfügung. Der inszenierte – in einer Vorbereitungszeit von drei Jahren – die erste große Aufführung der Habimah, die des Dybuk von Anski, in der hebräischen Übersetzung Bialiks. Der Dybuk blieb jahrzehntelang im Repertoire.

So großartig in diesem Falle auch das künstlerische Ergebnis war – heute erscheint uns die komplette Unterwerfung der Habimah-Kerntruppe unter den Willen des genialen Armeniers Wachtangow als die „Ursünde“ der Truppe. Sie hat offensichtlich schon von jener Zeit an einen regelrechten Vaterkomplex entwickelt, der in der ständigen Suche nach bedeutenden nichthebräischen Regisseuren zum Ausdruck kam. Während im Falle Wachtangows immerhin die russische Sprache, die gemeinsame Umgebung und das gemeinsame Geschichtserlebnis ein einigendes Band bildeten, mußten die nichthebräischen Inszenierungen durch assimilierte jüdische oder nichtjüdische Regisseure problematisch werden. Gewiß, es waren durchaus Regisseure von internationalem Ruf, die in späteren Jahren mit dem Ensemble der Habimah arbeiteten, z. B. Leopold Jessner, Tyrone Guthrie, Leopold Lindberg, Harold Clurman, Julius Gellner, Sandrov Malmquist und André Barzak – aber gleichzeitig waren es „Ausländer“, die meist nicht einmal mit der hebräischen Sprache vertraut waren.

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