1970 - Eine neue Aufwertung?
ZEIT: Wie beurteilen Sie die Folgen der Aufwertung?
Sdnllei: Mit der Aufwertung der Mark vom 28. Oktober 1969 um 9 3 Prozent ist ein wichtiger Schritt zur Wiederherstellung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts getan worden. Die Aufwertung hat die durch spekulative Erwartungen aufgeschwemmte Uberliquiditat beseitigt. Die Devisenabflusse erreichten m den drei Monaten von Ende September bis Ende Dezember 1969 den Gegenwert von annähernd 23 Milliarden Mai k. Die Aufwertung hat die Währungsparitäten entzerrt und die standige Unruhe im Weltwahrungssystem beseitigt. Bmnenwurtschaftlich hat sie die Voraussetzungen für die kreditpolmschen Maßnahmen der Bundesbank vom 6. März 1970 geschaffen.
Freilich habe ich immer betont, daß mit einer" verspäteten Aufwertung nicht mehr soviel an Stabilität gewonnen werden konnte, wie es mit der i echtzeitigen Verbesserung der Mark Parität im Frühjahr 1969 möglich gewesen wäre. Wir befinden uns deshalb gegenwartig noch m einer Phase, in der sich die Preis- und Kostensteigerungen aus jenem „heißen Sommer" auswirken, m dem meine Vorschlage durch die CDU Mehrheit m der Bundesregierung blockieit wurden.
Aber ich bin sicher: Ohne die Aufwertung wäre die Preisentwicklung weitaus beunruhigender. Dies ist auch die Ansicht der Deutschen Bundesbank. Sie hat in ihrem Jahresbericht erklart, „daß sich die starke inflatonsche Infizierung der Weltwirtschaft ohne die Aufwertung starker preiserhohend m der Bundesrepublik ausgewukt haben wurde, als das nunmehr der Fall sein wird".
ZEIT: Wenn Sie noch einmal in der Situation vom 9 Mai 1969 stunden, wurden Sie dann heuteaufwerten, und wenn ja, um welchen Satz? Schiller: Aus der Distanz eines Jahres kann ich mit Gewißheit sagen, daß die Mehrheitsentscheidung der alten Bundesregierung, die Mark nicht aufzuwerten, falsch war Die Vereitelung einer vnksamen Stabihtatspolitik hat im Sommer 1969 eine steigende Überforderung der Produktivität mit sich gebracht. Die- Folgert waren Prelssteigelungen, zunächst im der Erzeugersphare, aber oann durchs<Magend auf den Lebenshaltungskostenmdex. Auch die spontanen Arbeitsniederlegungen vom September vorigen Jahres waren Zeichen für eine aus dem Ruder gelaufene gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Sie waren die Antwort auf das Nein der CDU Mehrheit gegenüber allen Dampfungsmaßnahmen. Dies zeigt eindeutig, daß die Aufwertung der Mark schon am ), Mai notwendig gewesen wäre.
Im übrigen hat die Verzögerung einen höheren Aufwertungssatz notwendig gemacht, als wenn die Mark Parität bereits im Mai 1969 verbessert worden wäre. Damals hatte wohl ein geringerer Satz als die am 28. Oktober 1969 gewählte Pantatsanderung ausgereicht, um der Konjunkturpolitik festen Boden unter die Fuße zu geben. ZEIT: Glauben Sie, daß in absehbarer Zukunft wieder eine Änderung des Wechselkurses der Mark als Mittel der Wahrungs- und Konjunkturpolitik zu erwarten steht?
Schiller: Auf Wechselkursanderungen als Mittel der Stabilitatspohtik und zum Zweck einer sinnvollen Orientierung der internationalen Arbeitsteilung wird man nicht verzichten können, solange es den wichtigsten Industrielandern des Westens nicht gelingt, eine gemeinsame Wirt schafts- und Wahrungspolitik auf dem Stabihtätsund Wachstumspfad zu treiben. Die Anstrengungen zumindest der EWG Lander für eine harmomsierte Wirtschaftsentwicklung und Wirtschaftspolitik müssen also abgewartet werden. Es wäre aber eine Überforderung der europäischen Solidarität, wollte man von einem stabilitätsorientierten Mitgliedsland verlangen, sich großzugigeren Auffassungen der Nachbarn anzuschließen. Ich habe jedoch die Hoffnung, daß die Erfahrungen des Jahres 1969 international und besonders m der EWG die Einsicht in die Notwendigkeit einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik gestärkt haben, die gleichermaßen auf Wachstum wie auf Stabilität gelichtet ist, Im übrigen glaube ich, daß am gegenwärtigen Weltwahrungssystem mehf Möglichkeiten für eine größere Flexibilität der Wechselkurse liegen, als m der Vergangenheit genutzt worden sind
- Datum 08.05.1970 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 8.5.1970 Nr. 19
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