Nr.19/25. Jahrgang 25 Jahre nach Hitler

Wie dieser Staat entstand, was aus ihm wurde Und wohin er Steuert / Von Marion Grätin Dönhott

Bundeskanzler Brandt wird am 8. Mai mit einer Erklärung vor dem Parlament jenes Tages vor 25 Jahren gedenken, an dem das Hitler Reich kapitulierte. Mit den Feststellungen „Niederlagen feiert man nicht" und „Schande und Schuld verdienen keine Würdigung" haben CDU und CSU diesen Plan heftig bekämpft — als ginge es um Feiern oder Würdigung.

Wer damals mit Millionen vertriebenen Deutschen von Jagdbombern gejagt, ziellos über die Landstraßen des zusammenbrechenden Reiches irrte oder wer wie die Landser im Osten, Westen, Norden oder Süden von den unaufhaltsam vordringenden alliierten Armeen überwältigt und herdenweise zusammengetrieben wurde, der weiß, daß damals niemandem nach Feiern zumute war; auch wenn an jenem 8. Mai die Mehrzahl der Bevölkerung einen Seufzer der Erleichterung ausstieß: „Endlich ist es vorbei "

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Vorbei war das sinnlose Sterben, die nächtelangen Ängste in stickigen Bunkern, das ohnmächtige Miterlebenmüssen der Verbrechen eines immer bedenkenloser werdenden Regimes — Verbrechen, deren ganzes Ausmaß erst nach und nach bekannt wurde. Nicht vorbei allerdings waren Hunger, Arbeitslosigkeit, Ungewißheit und der Schmerz : üher die verlorene Heimat. Kein Anlaß also zum Feiern, weder damals noch heute, aber 4beh ein Grund, heute einmal innezuhalten und den Weg zu überdenken, den wir seither zurückgelegt haben, einen Weg, cler anders verlaufen ist, als man es sich am 8. Mai 1945 vorgestellt hatte. Was eigentlich hatte man sich damals vorgestellt? Zunächst ganz gewiß, daß nun ein ganz neues, ganz anderes Leben beginnen werde und beginnen müsse. Niemand von uns hätte es für möglich gehalten, daß, nachdem die alte Welt in Stücke gegangen, jahrgangsweise die Jugend Europas auf den Schlachtfeldern verblutet war und sechs Millionen- Juden fabrikmäßig umgebracht worden sind, daß nach all diesem Geschehen die Normalisierung des Lebens da wieder anknüpfen werde, wo sie 1933 abgerissen war, mit einem Wort, daß alles so weitergehen werde wie eh und je.

Natürlich hatte man sich vorgestellt, durch diese apokalyptische Zeit sei der Krieg nun wirklich ein für allemal ad absurdum geführt worden. Allem Geistigen, so meinte man, werde jetzt im Dasein des einzelnen und auch im Bereich des Staates viel mehr Raum gegeben werden. Diskussionen ohne Ende begannen damals, ausländische Zeitschriften und Bücher "wurden verschlungen, wichtige Manuskripte abgeschrieben und weitergereicht.

Es ist dann doch ganz anders gekommen. Aber ich denke, man sollte das, was da neu entstanden ist, diese erst bewunderte, dann geschmähte Leistungsgesellschaft, nicht mit abschätziger Miene als konsumbestimmt und wohlstandsorientiert abwerten - Wer erlebt hat, welche Ideologen in den Hirnen unterernähter Massen und ihrer von Haß und Neid erfüllten Führer gediehen, der ist ganz froh, mitzuerleben, wie mit dem Wohlstand Toleranz und pragmatisches Denken eingezogen sind. Offenbar vermag nur, wer der ärgsten Sorgen ledig ist, mit Maß und Besonnenheit zu reagieren. Und schließlich: Noch nie zuvor haben Deutsche die Möglichkeit gehabt, auf so freiheitliche; so menschliche Weise in ihrem Staat zu leben. Und das ist viel.

Es ist verhältnismäßig leicht festzustellen, was sich an einem bestimmten Zeitpunkt der Vergangenheit abgespielt hat, es ist nicht allzu schwer, sich vorzustellen — mit oder ohne Futurologen —, was in einer bestimmten Phase der Zukunft vermutlich sein wird, aber es ist ungemein schwierig, den Standort zu bestimmen, an dem man sich zwischen gestern und morgen gerade jetzt befindet. Wer verzweifelt und ärgerlich darüber ist, daß Europa, von dem wir damals alle träumten, so langsam vorangekommen ist, den möge folgende Geschichte trösten. Ein hoher italienischer Beamter, der 1945 zu der Kommission gehörte, die die französischitalienische Grenze von neuem festlegen sollte, erzählte kürzlich, wie die Franzosen bei dieser Gelegenheit jeden Hügel für sich reklamierten mit der Begründung, die Italiener könnten sonst im Kriegsfall dort ein Maschinengewehr in Stellung bringen. Der gleiche Italiener war Jahre später in Rom zugegen, als die Regierung die Untertunnelung des Montblanc diskutierte. Die hinzjigfzOjgjeiien Experten des Verteidigungsministenutns, so berichtete er, warnten dringend vor diesem Unternehmen. Ihr Argument: Dann kö_nnten cüe iEranzosen mit ihren Panzern ohne jede Schwierigkeit nach Italien hereinrollen.

Verglichen mit diesen Argumenten, die beide von 1870 stammen könnten, sind wir im Westen heute doch offenbar ein gut Stück weiter gediehen, als die Ungeduldigen meinen.

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