Auf ins letzte Gefecht
Zum Sammeln vor dem wahrscheinlich letzten Gefecht bläst jetzt der Verein der Aktionäre der Ilseder Hütte, der sich mit dem Mut des Verzweifelten gegen die Fusion der Salzgitter Hüttenwerke mit der Ilseder Hütte wehrt. Am 12. Mai will man dem Häuflein der verbliebenen Getreuen neue Gutachten über die Rechtslage bei der Ausübung des Stimmrechts auf der Hauptversammlung und vor allem über den wahren Wert der Ilseder, Hütte vorlegen. Damit hofft der Verein, dessen treibende Kraft das Ilseder Aufsichtsrats mitglied Landwirt August Wilhelm Ahrens ist, doch noch aufhalten zu können, was inzwischen wohl bereits beschlossene Sache ist. Mit Recht kann dieser rührige und in seiner Art wohl einmalige Aktionärsverein darauf verweisen, daß er wesentlich daran mitgewirkt hat, das Abfindungsangebot on Salzgitter an die freien Aktionäre des Peiner Unternehmens auf 290 Mark pro Aktie heraufzupokern. Noch vor knapp einem, halben Jahr hatte Salzgitter Boß Hans Birnbaum von einer „Abfindungs Schalimauer" gesprochen, die bei 200 Punkten liegen sollte. Die von beiden Stahlkonzernen unabhängig voneinander beauftragten Wirtschaftsprüfer Karoli und Elmendorff mußten dann auch tatsächlich zugeben, daß diese Schallmauer wesentlich unter dem Wert der Ilseder Hütte lag. Wenn der Aktionärsverein nun auch diese Offerte als zu gering ablehnt, so vor allem, weil er glaubt, daß betriebswirtschaftliche Grundsatze und rechtliche Vorschriften nicht beachtet wurObjektiv betrachtet — und da sind sich Branchenkenner ziemlich einig —, entspricht die Höhe des jetzt auf dem Tisch liegenden Abfindungsangebots dem inneren Wert der Ilseder Hütte. Das mußte selbst Dr. Gerhard Meyer, Vorstandssprecher und Großaktionär (7 Prozent) der Ilseder Hütte, zugeben, obwohl er mit zu den schärfsten Gegnern der Fusion gehörte. Seine Bedenken und die seiner Vorstandskollegen gelten vor allem der Frage, ob es gut und sinnvoll ist, ein, wie er es formulierte, blühendes Stahlunternehmen mit einem nicht ganz gesunden Partner zu verbinden. Nachdem Meyer noch vor einem Jahr sagte, daß seinem Unternehmen auf lange Sicht eine Ergänzung seines Walzprogramms durch Flacherzeugnisse gut anstehen würde, heißt es heute, die Ilseder Hütte sei auch in Zukunft in der Lage, den Alleingang zu bestehen.
Zu sehr hatte man bei der Ilseder Hütte bereits den Nordstahlkoni ern (Klöikner, Ilseder Hütte, Salzgitter) gedanklich vorweggenommen, als daß heute die kleine Lösung attraktiv und gangbar erschiene. Sachliche Argumente, die am Anfang der Fusionsüberlegungen standen, traten mehr und mehr in den Hintergrund. Birnbaum, dessen Hütte die vom Standort und auch vom Produktionsvolumen her gegenüber den Stahlkochern an Rhein und Ruhr benachteiligt ist und einen gesunden und schlagkräftigen Paitner dringend benötigt, tat das In seiner Situation einig Richtige: Während der Vorstand der Ilseder Hütte noch über die Zweckmäßigkeit und den Umfang der Fusion diskutierte, rollre er die Front von hinten auf, Zu Recht befürchtete Birnbaum, daß die auf Grund des Ergebnisses von 1969 immer hochmütiger werdenden Ilseder Leute für einen Alleingang starke Unterstützung in den Reihen ihrer Aktionäre finden würden. Schon eine Sperrminorität von 25 Prozent konnte und kann die Fusion torpedieren. Eine für Januar angesetzte außerordentliche Hauptversammlung der Ilseder Hütte wurde wieder abgeblasen, da Birnbaum mit einer Ablehnung seines damaligen Abfindungsangebots rechnen mußte.
Er machte sich vielmehr heimlich daran, über Vertrauensleute Aktien der Peiner Hütte zu kaufen. Seine „Schallmauer" war höchstwahrscheinlich als Finte gedacht, um den Kurs möglichst niedrig zu halten. Das Verfahren hatte Erfolg. Die hohen, in Peine mit gewissen Befürchtungen registrierten Börsenumsätze zeigten bald, daß gezielte Aufkäufe stattfanden. Nur blieb der Aufkäufer lange unbekannt. Neben Salzgitter wurden auch Klöckner und andere genannt. Bereits im Januar aber wurde dem Peiner Vorstand klar, woher der Wind wehte. Vorstandsmitglied Putsch damals zu Journalisten: „Birnbaum wäre ja blöd, wenn er uns nicht kaufen würde. So billig" — der Kurs lag damals noch bei 30 — „kommt er doch nie wieder an ein Juwel wie die Ilseder Hütte Zwar liefen auch Gerüchte von Aufkäufen der Fusionsgegner an der Börse um, doch mußte diese Seite schon bald passen, da ihr kapitalmäßig die Luft ausging. In Bonn, wo Birnbaum volle Unterstützung besitzt, hatte Thyssen zur Beschleunigung des Konzentrationsprozesses eine Schachtelbeteilignng an der Peiner Hütte, die früher bei der Viag lag, an das Finanzministerium übergeben — zu einem Kurs von angeblich nur 200 Prozent. Nachdem auch Salzgitter der Verwaltung der Ilseder Hütte stolz mitteilen konnte, daß man eine Schachtelbeteiligung von 25 Prozent zusammengekauft hatte, verfügt der Bund nun mittelbar und unmittelbar über mehr als die Hälfte des Kapitals der Ilseder Hütte.
Siegessicher kündigte inzwischen Regierungssprecher Rüdiger, v. Wechmar die Zusammenlegung beider Unternehmen zum Stahlwerk PeineSalgitter (Staps) an ohne Rücksicht auf den Hauptversammlungsbeschluß, der erst am 26. Junifällt. Der Fusionsvertrag sei für Salzguter von der Verwaltung und Regierung genehmigt worden, und auch die Verwaltung der Peiner Hütte habe zugestimmt — anscheinend etwas resignierend nach Birnbaums power play, So wurde denn auch in der jüngsten Aufsichtsratssitzung des Peiner Unternehmens „mit Mehrheit" beschlossen, das Angebot an die Aktionäre für angemessen zu halten und ihnen die- Zustimmung zu den beantragten Beschlüssen zu empfehlen. Peter Kircb
- Datum 08.05.1970 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 8.5.1970 Nr. 19
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