Der Monat April war ein schwarzer Monat für die deutschen Aktionäre. Die Aktienkurse setzten zum Tiefflug an, obwohl die derzeitige Ertragssituation und die laufenden Dividendenausschüttungen keinen Anlaß geben, eine dramatische Kurskorrektur vorzunehmen. Am Stichtag (29. 4.) erreichten die meisten deutschen Aktien neue Jahrestiefstkurse.

Am Kurs/Gewinn-Verhältnis gemessen, sind auch in der Baisse die Montanaktien die billigsten Papiere geblieben, obwohl sie sich relativ gut halten konnten. Das niedrigste Kurs/Gewinn-Verhältnis hat die Thyssen-Aktie. Das gibt einige Rätsel auf. Warum die Abneigung der deutschen und internationalen Anleger gegenüber dem größten deutschen und kontinentalen Stahlkonzern? Hier zeigt sich deutlich, daß Kennzahlen, die sich am Gewinn je Aktie orientieren, keineswegs jene Bedeutung erlangt haben, die ihnen zeitweise von den Bilanzanalytikern zugemessen worden sind.

Die Skala beim Kurs/Gewinn-Verhältnis reicht von 27,27 in der Spitze (Zellwald) bis 4,92 bei Thyssen. Dort, wo das Kurs/Gewinn-Verhältnis 20 überschreitet, liegen Sondersituationen vor, die zu einer Bewertung jenseits der Ertragslage führen. Bei Zellwald wird die Fusion mit den Aschaffenburger Zellstoffwerken vorbereitet. Dazu werden die Kurse beider Unternehmen in einer bestimmten Relation gehalten. Bei der Chemie-Verwaltung scheint der Großaktionär weiterhin bemüht zu sein, seine Stellung zu festigen.

Kaum zu erklären ist der hohe Neckermann-Kurs, der jedem Kleinaktionär zu denken geben sollte. Bei der Dortmunder Union Brauerei dürfte als ständiger Interessent das Haus Reemtsma im Markt sein. Vielleicht gibt es auch Gegenkäufe jener Gruppen, die auf keinen Fall wollen, daß Reemtsma einen entscheidenden Einfluß auf die größte deutsche Brauerei erhält. Trotz aller Dementis hält sich bei Linde das Gerücht, daß hier Aufkäufe stattfinden. Die Gesellschaft wäre für mehrere Großkonzerne eine wertvolle Bereicherung.

Relativ hoch bewertet wird immer noch die Audi/NSU-Aktie. Mehrere Gruppen beabsichtigen auf der kommenden Hauptversammlung Opposition zu machen. Zu bezweifeln ist in diesem Zusammenhang, ob der in unserer Aufstellung verzeichnete Gewinn je Aktie von 14 Mark im Jahre 1969 tatsächlich erzielt worden ist. Darüber kann erst die Bilanz Aufschluß geben, die in den nächsten Tagen veröffentlicht wird. Sollte der Gewinn niedriger sein – wofür einiges spricht –, käme ein noch; höheres Kurs/Gewinn-Verhältnis heraus. DZ