Die Weltmächte verhandeln seit dem 16. April in Wien Chancen für den Raketen-Dialog?
Von L. Bruce van Voorst
In Amerika haben die Probleme einer Begrenzung der strategischen Kernwaffenrüstung die komplizierteste Diskussion ausgelöst, die je öffentlich in einem Land geführt worden ist. Die Suche nach Lösungen, die nicht die Sicherheit der USA gefährde, erfordere „das intensivste Studium > strategischer Waffenprobleme, das je von dieser oder irgend einer Regierung betrieben wurde", hat Präsident Nixon in seinem außenpolitischen Bericht an den Kongreß über die siebziger Jahre erklärt.
Seit dem 16. April verhandeln in "Wien amerikanische und sowjetische Experten in einer zweiten Gesprächsrunde über diese Themen, für die das Stichwort SALT (Strategie Arms Limitation allem in Deutschland kreist das Interesse an SALT besonders um die etwa 700 im Westen der Sowjetunion stationierten Mittelstreckenraketen, die auf Ziele in Westeuropa gerichtet sind. Doch erstens werden diese Raketenstellungen jetzt auf Interkontinentalraketen umgerüstet und bedrohen dann die USA, und zweitens sind diese Anlagen nicht der Hauptgegenstand der Verhandlungen. Ein hoher US Diplomat hatte hierzu vor kurzem erklärt, die sowjetischen Mittelstreckenraketen seien „fast völlig irrelevant für die gegenwärtigen Gespräche". Zumindest die amerikanische SALT Delegation geht davon aus, daß im Falle eines sowjetisch amerikanischen Abkommens diese relativ „geringfügigen" Fragen sich fast automatisch erledigen würden.
Der übertriebene Gebrauch von Spezialausdrücken hat dazu geführt, daß der RaketenDialog der Öffentlichkeit fast ebenso unverständlich bleibt wie der Jargon der modernen Soziologie. Aber auf die Fachsprache kann nicht ganz verzichtet werden. Hier soll vor allem von zwei Begriffen die Rede sein, die im Zusammenhang mit den Kategorien von „offensiven" und „defensiven" Waffen stehen:
1. Schadenbegrenzung: Dieser Terminus bezeichnet alle Systeme, welche die Zivilbevölkerung und die zivilen Anlagen eines Staates schützen, ihre Schädigung verhindern oder begrenzen. Sie umfassen Flugabwehrwaffen, gegen Flugzeuge einzusetzende Boden Luft Raketen und Änti Raketensysteme (ABM). Ferner gehören dazu: Luftschutzbunker und die U Boot Bekämpfung. Die Vorstellung von der „Schadenbegrenzung" erweitert aber auch die Defensive um die Möglichkeit, mit offensiven Waffen die Offensivkraft eines Gegners zu beeinträchtigen. Zum Beispiel könnte eine amerikanische „Minuteman" Rakete nicht nur auf zivile Ziele, sondern auch auf ein sowjetisches, unter der Erdoberfläche verbunkertes Raketen Silo gerichtet werden. Würde die sowjetische Rakete vor dem Abschuß zerstört, würde dies dazu beitragen, den Schaden für die USA zu begrenzen.
2. Gesicherte Zerstörung: Dieser Ausdruck beschreibt die Offensivkraft auf zweifache Art. Erstens handelt es sich um die Fähigkeit, die Bevölkerung des Gegners (nicht nur seine militärischen Anlagen) zu vernichten, und zweitens darum, diese Fähigkeit auch noch für den Fall zu bewahren, daß der Angreifer einen ersten Nuklearschlag führt. Die Erwiderung auf den ersten Schlag eines Gegners in einem für ihn unannehmbaren Ausmaß an Zerstörung setzt unverwundbare Kernwaffen voraus. Ihr Besitz (second strike. strategie; die „gesicherte Zerstörung" ist die Abschreckung.
Die erste Schlußfolgerung ist der allgemein anerkannte Grundsatz, daß — gemessen am finanziellen Aufwand — „gesicherte Zerstörung" immer einen meßbaren Vorteil vor „Schadenbegrenzung" bietet. In absehbarer Zukunft wird es weitaus billiger und einfacher sein, Interkontinentalraketen für eine „gesicherte Zerstörung" zu bauen als Antiraketen zur „Schadenbegrenzung". Denn: es ist leichter, eine Rakete auf ein festes Ziel zu richten und abzufeuern als eine heranfliegende Rakete zu orten und zu zerstören. Wenn die düsteren Prognosen der ABM Gegner in Amerika zutreffen und die Zweifel an der komplizierten Radar Computer Raketen Sequenz des Antiraketensystems berechtigt sind, würde die „gesicherte Zerstörung" vorteilhafter sein. Trotz der phänomenalen Leistungen der Apollo Serie in der Radar- und Elektroniktechnologie und trotz gewisser unbestreitbarer Verbesserungen in der ABM Radartechnologie wird die Skepsis gegenüber der Antirakte solange berechtigt bleiben, bis andere technische Verbesserungen, etwa die Zerstörung von angreifenden Raketen durch Laserstrahlen, anwendbar sind. Davon sind wir allerdings noch weit entfernt.
Die „kleine" Bombe von Hiroshima hatte nur eine Explosionsstärke von zwanzig Kilotonnen. Heute gehören die meisten amerikanischen Modelle in die Megatonnen Kategorie (fünfzigmal Hiroshima). Einige sowjetische Kernwaffen haben bis zu 25 Megatonnen. Experten zufolge entsprechen schon zehn Megatonnen der Summe aller in allen vergangenen Kriegen detonierten Sprengstoffe. Raketen mit so ungeheuren Explosionsstärken wären nützlich, wenn sie zur Zerstörung sowjetischer Raketensilos eingesetzt würden. Doch nach der offiziellen Doktrin soll das amerikanische Potential der „gesicherten Zerstörung" dadurch abschrecken, daß es hauptsächlich als Vergeltung gegen Städte vorgesehen ist. Eine einzige „Minuteman" Rakete könnte einen großen Teil Moskaus oder Leningrads vernichten. Die von Verteidigungsminister Melvin Laird geäußerte Besorgnis wegen der sowjetischen Megatonnen Raketen ist anfechtbar. Die Vereinig7ten Staaten hatten früher auch solche Ungetüme. Doch wie der seinerzeitige Heeresminister Cyrus Vance gesagt hatte, als einige der früher von strategischen Bombern mitgeführten 23 Megatonnen Bomben aus dem Dienst gezogen wurden, „gibt es dafür keine Ziele, die groß genug wären" „Das Problem", bemerkte ein amerikanisches Mitglied der SALT Delegation, „besteht darin, daß die Militärs nach einer gewissen Zeit Megatonnen betrachten wie ein Arzt den Krebs, nämlich als Realität — ohne Konzeption, ohne Menschlichkeit, einfach als Tatsache".
- Datum 08.05.1970 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 8.5.1970 Nr. 19
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