Cricket, Cricket über alles...

Wirbel in England um die südafrikanischen „Springboks" / Von Karl-Heinz Wocker London, im Mai

England befürchtet einen heißen Sommer. Aber es sind nicht die Hippies am Piccadilly Circus oder die Marcuse Anhänger der London ger und der Ordnungshüter gilt. Vielmehr droht der grüne Rasen der Cricket Felder zu einem Schlachtfeld der Ideologien zu werden: Mitte Juni beginnt die" England Tour der südafrikanischen „Springboks" — einer Mannschaft, aus der jeder nichtweiße Spieler ferngehalten wird. Die Politik der Rassentrennung, von der Regierung Vorster auch für den Sport Südafrikas verfügt, wird zum Explosivstoff in Großbritannien. Demonstrationen wurden angekündigt für den Fall, daß die britische Regierung die Apartheid Sportler nicht aus dem Lande hält. In Wilsons Kabinett ist ein solches Verbot erwogen, aber verworfen worden Der Premierminister formulierte seine Mißbilligung öffentlich und spendete den zu erwartenden Demonstrationen im voraus gedämpften Beifall. Er warnte allerdings vor einer Zerstörung der Cricket Felder und vor unfairen Angriffen auf die Spieler. Als er dabei die Absicht kritisierte, die „Springboks" durch Taschenspiegel zu blenden, damit sie den Ball nicht sehen, erboste sich der konservative „Daily Telegraph", damit habe Wilson doch den Demonstranten nur einen Tip geben wollen. Die Torys haben sich in ihrem verzweifelten Bemühen, etwas gegen ihre schwindenden Wahlchancen zu tun, auf diese Crickettour gestürzt, als gelte es die britische Freiheit zu verteidigen. Zwar versichern sie stets, nur eine verschwindend kleine Minderheit sei gegen Länderspiele mit einer künstlich rasserein gehaltenen Mannschaft. Umfragen hingegen zeigen, daß die Zahl der bedenklich Gestimmten bei einem guten Drittel liegt.

Auch die Königin wird keines der Cricket Felder betreten, auf denen die „Springboks" gastieren, während sie bisher noch jede ausländische Cricket Visite beehrt- hatte. Denn in diesem Schlagballspiel weißgekleideter Gentlemen schwingt natürliches britisches Erz Wesen mit. Wenn eines Tages die Handelspräferenzen des Commonwealth längst nicht mehr existieren, dann verbindet die ehemalige Völkerfamilie immer noch die alljährliche Serie der „Test Matches", wie die Cricket Länderspiele genannt werden.

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Die Königin könnte aber die Südafrikaner nicht begrüßen, ohne dem Commonwealth einen neuen Stoß zu versetzen. Schon jetzt haben mehrere afrikanische Staaten ihre Teilnahme an der Commonwealth Olympiade in Edinburgh im Herbst für den Fall abgelehnt, daß die „Springboks" in England antreten werden. Die armen schottischen Stadtväter, die sich seit Jahren die Haare ausgerauft haben beim Durchrechnen der Kosten für das neue Prachtstadioa, sind nun, da alles gebaut ist, doppelt enttäuscht über die Aussicht, daß vielleicht nur Kanadier, Australier und Neuseeländer sowie eine Handvoll Malteser und Zyprioten anreisen werden; zumal den Schotten, ganz im Gegensatz zu den Engländern, Cricket nicht viel bedeutet.

Während in London Regierung und Opposition Stellung bezogen haben und sich dabei auch an den Wählern orientieren, planen Anti Apartheid Gruppen und Behörden die Schlacht außerhalb der Spielfelder. Anders als bei der südafrikanischen Rugby Tour, die im vergangenen Winter erheblich, aber nicht erfolgreich gestört wurde, ließen sich nämlich die vorgesehenen CricketMatches viel leichter behindern. Die Felder sird sehr groß und nicht, wie bei Rugby oder FußbaiL von Tribünen umgeben. Zum Schutz der „Springboks" sind viel mehr Polizisten notwendig. Außerhalb der Felder zahlt das der Steuerzahler, drinnen aber müssen die Vereine die nötigen Ordnungshüter mieten.

Es gibt bereits eine Spendensammlung, zu der die Konservativen unter den Engländern beitragen, als stünde der Feind in Calais auf dem Sprung. Aber eine rechtschaffene Haut wie der greise Marschall Montgomery ließ die Sammler öffentlich wissen, für solche Zwecke gebe er kein Geld. Der Führer des karg besetzten liberalen Flügels in der Tory Fraktion, Sir Edward Boyle, den Heath wegen seiner progressiven Erziehungspolitik aus dem Schattenkabinett entließ, ist am Wochenende der „Fair Cricket Campaign" als Vize Chairman beigetreten. Boyle ist alter Universitäts Cricketspieler. Auch Bischof David Sheppard, Englands bestaussehender Kirchenführer, kombiniert seine Cricket Erfahrungen mit sginem leidenschaftlichen Feldzug gegen die Rassentrennung. Einer seiner Bischofskollegen hat sogar den Himmel zum Verbündeten angerufen und die Gläubigen aufgefordert, dafür zu beten, daß es während der Tournee in Strömen regnen möge. Bei den klimatischen Verhältnissen auf der Britischen Insel wird man das nicht einmal als eine allzu starke Versuchung des Herrgotts bezeichnen können.

England inszeniert einen sommerlichen Sturm im Wasserglas. Mit der bekannt apolitischen Einstellung sportversessener Massen wird ein übles Spiel gespielt. Die Torys, die sich immer etwas genieren, wenn ihr Abgeordneter Powell mit offenem Rassismus auf Stimmenfang geht, können nun harmlos von der „Freiheit des Sports" reden, wenn sie die Ungleichheit der Hautfarbe meinen. Eine Serie von schweren Zusammenstößen im Verlauf der Spiele müßte zudem ihrer Forderung nach „Law and Order" neuen Auftrieb geben.

Nur der wieder ansteigenden Popularität Wilsons und seiner Partei, nicht aber grundsätzlicher Oberzeugung ist es zu verdanken, daß nicht auch die Regierung aus Furcht vor dem heißen Sommer auf die Zweidrittelmehrheit derer spekuliert, denen Cricket über alles in der Welt geht

 
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