Das ungerechte Wunder

Wohlstand als einzige Klammer der Nation / Von Manfred Funke

Audi beim Buch weckt zuerst die Verpackung das Interesse. Diese banale Feststellung zu unterlassen, verbietet geradezu die auffällige Aufmachung des neuen Kindler Paperbacks „Nach 25 Jahren. Eine Deutschland Bilanz", hrsg von Karl Dietrich Bracher; Kindler Verlag, München 1970; 383 Seiten, 16 80 DM. In schmaler Silhouette, schwarz aluminiumfarben gewandet, mit Textmontage vorn und kandiertem Bracher Photo hinten, präsentiert sich das Buch im flott fatalen Boutiquenstil.

Doch der äußere Eindruck täuscht. Was der Schein befürchten läßt, bestätigt der Inhalt keineswegs In achtzehn Aufsätzen werden hier vielmehr in seriöser Manier die Hauptpositionen einer Deutschland Bilanz auf den Prüfstand gestellt. Im historischen Aufriß bieten die Autoren. eine um Verbindlichkeit bemühte Analyse unserer politischen Situation und der Infrastruktur deutschen Bewußtseins. Zugleich soll diese Abrechnung über uns selbst die Koordinaten für den Kurs ermitteln, der die Bundesrepublik endgültig vom prosperitätssüchtigen Provisorium zum Definitivutn einer freiheitlich sozialen Demokratie hinlenkt.

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Konsequent wird dabei gefragt, welche gesellschaftliche und kulturelle Substanz sich hinter der politischen Stabilität und der ökonomischen Effektivität verbirgt „Nach zwanzig Jahren selbstgefällig bewunderten Wiederaufbaus unter der Parole keine Experimente, die vorwärts blickender Reform und Planung entgegenwirkte, hat diese Frage etwas von der Intensität wiedergewonnen, die in der Anfangszeit lebendig war" (Bracher). Das Bezugssystem ist freilieh verändert. Nach dem 8. Mai 1945 galt es, ein Vakuum zu füllen. Am 8. Mai 1970 hingegen gilt es, die verschuldeten Versäumnisse festzustellen und praktikable Empfehlungen zur Emanzipation vom Gestern auszusprechen.

Die Art, in der sich die meisten der achtzehn Autoren dieser Aufgabe stellen, verdient Respekt. Kaum irgendwo der Stil von Auftragsarbeiten, die nach dem Kalender an politisierende Heimarbeiter vergeben werden. Kaum leutseliges Gerede über heilsame Verunsicherung. Möglichst ohne ideologische Voreingenommenheit haben die Verfasser die Girlanden des Zweckoptimismus vom Eingang der siebziger Jahre heruntergenommen. Sie verweisen auf Alternativen eines Planning for Freedom (Karl Mannheim), das allzulang von der Politik des Ausklammerns und der absolut gesetzten ökonomischen Prioritäten blockiert war.

Die Darbietung des Reformdefizits verrät ein durch Faktenwissen diszipliniertes Engagement der Mitarbeiter und eine gute Koordinationsleistung des Bonner Politologen Bracher und seines Verlagspartners Rössler. Selbst als Augstein, Kogon, Baudissin, Koppen und ändere goldbetreßte Tempelhüter unserer Demokratie ihre Artikel diesem Band versagten, überließ man die Auswahl der Mitarbeiter nicht dem Zufall persönlicher Bekanntschaft. In den einzelnen Aufsätzen sollte zum Besonderen möglichst nichts Allgemeines geäußert werden. Dies ist angesichts der vielen fix geglaubten Texte zu zeitgeschichtlichen Jubiläen ein erwähnenswerter Schritt vom Wege übler Gewohnheit.

Sebastian Haffner und Manfred Rexin behandeln Konstellationen und Entscheidungsprozesse deutscher Außenpolitik. Helmut Lindemann ergänzt sie mit einer akzeptablen Untersuchung der Interdependenzen von Außen- und Deutschlandpolitik. Thomas Ellwein schreibt über den Modernitätsrückstand von Staat und Verwaltung, "Hildegard Hamm Brücher über versäumte Reformen des Erziehungswesens. Frederic Vester kommentiert das Investitionsdefizit und die mangelnde Zukunftsorientierung deutscher Forschungspolitik, Leo Brawand, Otto Brenner und Theo Pirker analysieren das wirtschaftswunderliche Gesellschaftsgefüge, die Sozialpolitik und die gewerkschaftlichen Projektionen. Dietrich Strothmann verdient sich mit seinem mutigen Aufsatz über das politische Potential der Vertriebenen eine besondere Lektüre Empfehlung. Professor Hillebrecht berichtet über den Nachholbedarf im Städtebau und Verkehrsbereich. Oberlandesgerichtspräsident a. D, Richard Schmid stellt in seinem Beitrag über die Rechtswirklichkeit in der Bundesrepublik unsere Richter vor Gericht. Walther Schmieding blättert den deutschen Kulturfahrplan der letzten 25 Jahre auf. Bogislav von Bonin, nimmermüder Bundeswehrkritiker, polemisiert gegen die vorgeblich anachronistische Konzeption des deutschen Verteidigungsauftrags in der Nato.

Karl Hermann Flach beschäftigt sich mit der gegenwärtigen Situation des deutschen Pressewesens. Der Standphoto Charakter dieses Beitrages läßt leider ein wenig die historische Perspektive vermissen. Flachs friedfertige Distanz verdünnt zu sehr die Problematik der Meinungsmanipulation und Pressekonzentration. Otmar von Aretin interpretiert in einem brisanten Beitrag den deutschen Katholizismus der letzten zwanzig Jahre („Gegenüber dem holländischen Katholizismus verharrt der Deutsche, wie die Affäre Defregger in jüngster Zeit gezeigt hat, geradezu in archaischen Verhältnissen"). Das Korreferat über die evangelische Kirche liefert Heinz Kloppenburg. Es gerät jedoch etwas betulich: „Innerhalb der Pfarrerschaft setzt sich immer stärker die Einsicht durch, daß das, was man den philologischen Charakter des Theologiestudiums genannt hat, nicht ausreicht für die Zurüstung zum Pfarramt "

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