Der 8. Mai 1945

Vor der Kapitulation: Koälitionsgeplänkel in Karlshorst Von Karl-Heinz Janßen

Am 8. Mai 1945, 24 Uhr. Im Kasinosaal der Pioniersdiule Berlin Karlshorst drängen sich ein Dutzend Sowjetgeneräle, mehrere hohe alliierte Offiziere, viele Ordonnanzen und etwa hundert Journalisten und Photographen. Aller Augen und das grelle Licht der Jupiterlampenrichten sich auf die Tür. Es wird feierlich, still. Herein tritt, gemessenen Schritts und hoch aufgerichtet, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, der Chef des Oberkommandos der deutschen Wehrmacht. Das breite Kinn trutzig vorgeschoben, hebt er die Hand mit dem Marschallstab kurz zum Gruß. Schweigen umfängt ihn. Marschall Georgij Schukow, Sieger der Schlacht um Berlin und nun Oberbefehlshaber der sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland, hat zuvor die Parole ausgegeben, die Vertreter der geschlagenen deutschen Streitkräfte weder mit ihrem Rang anzureden noch sie zu grüßen.

Auf viele Augenzeugen dieser nächtlichenStunde, die das Schicksal des Deutschen Reiches besiegeln sollte, wirkte Keitels Auftritt arrogant und abstoßend. Doch es gab auch andere Empfindungen. Schukow erinnert sich: „Nein, das war nicht mehr der hochmütige Keitel, der die Kapitulation des besiegten Frankreichs entgegengenommen hatte. Jetzt sah er niedergeschlagen aus, obwohl er sich Mühe gab, Haltung zu bewahren Und mit einem Anflug von Sympathie gestehe Major General Sir Kenneth Strong, der alliierte Geheimdienstchef: „Ich konnte nicht umhin, seine Gelassenheit und den ihn "umgebenden Hauch von Autorität zu bewundern Er wurde von den deutschen Offizieren überhaupt nicht geschätzt und wegen seiner engen Beziehungen zu Hitler viel kritisiert, aber wenn sich die Deutschen für diesen Tag der Kapitulation eine majestätische Galionsfigur wünschten, dann konnten sie niemanden gewählt haben, <der selbstbewußter war als Keitel "

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Gewiß steht Keitel in diesen bitteren Minuten jene Szene vor Augen, als er im Juni 1940 im Wald von Compiegne die französische Waffenstillstandsdelegation durch eine hochfahrende Rede tief gedemütigt hat. Da er jetzt den ebenso eleganten wie arroganten französischen General de Lattre de Tassigny am Tisch der Sieger erblickt, entfährt es ihm unwillkürlich: „Was, die Franzosen auch? Die haben uns noch gefehlt!" Er kann nicht ahnen, welch hohe Achtung gerade dieser Offiziier dem deutschen Gegner entgegenbringt („Es hat in unserer Zeit noch einige ganz große Leistungen gegeben, zum Beispiel die Deutschen in Stalingrad ").

Der deutschen Delegation — außer Keitel gehören ihr Generaloberst der Flieger Stumpf und Generaladmiral von Friedeburg an — wird ein „Katzentisch" zugewiesen. Ihre Adjutanten müssen stehenbleiben. Einer von ihnen we int, ohne daß sich ein Muskel in seinem Gesicht bewegt. Nervös, mit geballten Fäusten, lauscht Keitel der Übersetzung der Kapitulationsurkunde, deren Text er seit Stunden kennt. Er gibt zu erkennen, daß er die Dokumente an seinen Tisch gebracht haben möchte. Doch Schukow befiehlt ihm: „Kommen Sie zum Schreiben hierher!"

„Mit einem unguten Blkfc auf das Präsidium erhob sich Keitel rasch von - seinem Platz", so berichtet der sowjetische Marschä!! in semen Memoiren „Dann senkte er die Augen, nahm langsam seinen Marschallstab vom Tisch und kam mit unsicheren Schritten auf unseren Tisch zu. Sein Monokel fiel herunter und baumeltean der Kordel, das Gesicht bedeckte sich mit roten Flecken ; Unter zuckenden Blitzlichtern setzt sich der Feldmarschall schwerfällig an den großen Tisch, legt Mütze und Stab vor sich, streift den Handschuh ab, schiebt die Tintenfässer beiseite, klemmt das Einglas ins linke Auge und zückt seinen Füllhalter. Er zögert, tut, als ob er lese und setzt dann seinen Namen umständlich unter die fünf Exemplare der Kapitulationsurkunde. Es ist der 9. Mai 1945, 00 16 Uhr deutscher Sommerzeit. Bis heute haben sich die Gelehrten nicht einigen können, auf welches Datum die deutsche Kapitulation anzusetzen sei. Denn in Karlshorst wurde sie nur noch ratifiziert, nachdem Generaloberst Jodl bereits in den frühen Morgenstunden des Reims im Namen der deutschen Wehrmacht kapituliert hatte. In Kraft getreten war die Kapitulation am 8. Mai um 23 01 Uhr mitteleuropäischer Zeit (oder 24 00 deutscher Sommerzeit). In Großbritannien, den Vereinigten Staaten, Frankreich und anderen Ländern wurde der Sieg über Deutschland am 8. Mai gefeiert. Aber zur selben Stunde, als der britische Kriegspremier Winston . Churchill, der amerikanische Präsident Truman und der französische Regierungschef de Gaulle ihren Völkern das freudige Ereignis verkündeten, sendete Radio Moskau wie üblich sein Kinderprogramm. Schon in der Stunde des gemeinsamen Sieges traten die Risse in der unnatürlichen Koalition zwischen kapitalistischen und kommunistischen Staaten deutlich hervor.

In diesem Falle waren daran die Deutschen nicht ganz unschuldig. Großadmiral Karl Dönitz. von Hitler bestellter Nachfolger und des Reiches letzter Präsident, hatte seinen Soldaten schon vor der offiziellen Kapitulation befohlen, den Kampf gegen die amerikanischen und britischen Truppen einzustellen, an der Ostfront jedoch solange wie irgendmöglich weiterzukämpfen, damit noch Hunderttausende von Soldaten und Zivilisten dem Zugriff der Roten Armee entkommen und sich über die Linien der westlichen Alliierten retten konnten. Mit Recht witterte Marschall Stalin dahinter den Versuch, die Alliierten gegeneinander auszuspielen, glaubten doch damals viel Deutsche, sie würden alsbald Seite an Seite mit den Westmächten den „Kampf gegen den Bolschewismus" wiederaufnehmen.

Die Tinte auf den Kapitulationsurkunden in Reims war noch nicht trocken, da wurde Eisenhower, dem alliierten Oberbefehlshaber in Europa, ein Schreiben des stellvertretenden sowjetischejrXSeiMffalstabschefs Antonow übergeben: Moskau wftgeÄe; £gß, die Unterzeichnung anzuerkennen iflzwisäBrapiatten nämlich die Russen festgestellt, daß die von Eisenhowers Stabschef Bedell Smith vorgelegten Texte nicht mit denen übereinstimmten, die zuvor von den Beauftragten der Regierungen in Washington, London und Moskau gebilligt worden waren. Wahrscheinlich hatte General Bedell Smith in der Aufregung den falschen Entwurf aus dem Panzerschrank genommen. Eisenhower beeilte sich jedenfalls, den Sowjets zu versichern, daß er sich peinlich an die Verpflichtung gehalten habe, keinen separaten Waffenstillstand abzuschließen. Schließlich habe ja der sowjetische Vertreter bei seinem Stabe, General Susloparow, mitunterschrieben. Stalin verlangte, die Kapitulationsurkunde von Reims nur als Vorprotokoll zu betrachten. Da die Sowjetunion die Hauptlast des Krieges getragen habe, müßten die Deutschen vor dem obersten Kommando aller Kriegführenden kapitulieren und zwar in ihrer eigenen, von den Russen eroberten Hauptstadt Berlin. Eisenhower bedauerte aufrichtig, daß ihn der Brief Antonows zu spät erreicht hatte, und erklärte sich sogleich bereit, nach Berlin zu fliegen, um zusammen mit Schukow die Zeremonie zu wiederholen. Deshalb söllteuch Keitel anwesend sein. In Windeseile richteten die Sowjettruppen das zerstörte Berlin für den Empfang her. Die Anfahrtstraßen inmitten der schwelenden Ruinen wurden von Schutt geräumt. Rotarmisten fuhren mit Lastwagen durch die nächtliche Stadt und requirierten Möbel, Teppiche, Vorhänge, Bestecke, Gläser und Blumen. Uniformierte Sowjetmädchen schneiderten derweilen an die tausend Fahnen. Als Decke für den langen Tisch im Kasino der Pionierschule mußte grau grüner Uniformstoff herhalten.

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