Der letzte Erbfolgekrieg

1945 war für die Donauvölker nicht das Ende der Geschichte, sondern ein Neubeginn — Aus dem braunen in den roten „Satellismus" / Von Claus Gatterer

Jn den acht Monaten zwischen September 1944 und April 1945 kämpfte sich die Rote Armee in teils erbitterten Schlachten durch den östlichen und mittleren Donauraum — bis nach Wien und darüber hinaus. Nach der alliierten Landung in der Normandie (6. Juni 1944) und der wenige Tage danach in Gang gekommenen Serie sowjetischer Offensiven im mittleren und nördlichen Frontabschnitt (am 19. September schloß Finnland seinen Waffenstillstand mit der Sowjetunion) war der Donauraum nicht viel mehr als eine Nebenfront, die sich nur zu besonderen Anlässen" dem Bewußtsein der Öffentlichkeit aufdrängte: August 1944: Sturz des Marschalls Antonescu und „Frontwechsel" Rumäniens; SeptemPartisanen und Sowjettruppen in Belgrad; Fedapest; 13. April 1945: Die Sowjets sind in Wien. Eine erste geschlossene Darstellung des militärischen und politischen Geschehens im Donauraum zwischen Sommer 1944 und Frühjahr 1945 liegt nun vor:

Peter Gosztony: „Endkampf an der Donau"; Fritz Melden Verlag, Wien 1969; 356 Seiten, DM.

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Der Autor (gebürtiger Ungar, gelernter Volkswirt, Offizier der ungarischen Volksarmee, seit 1956 in der Schweiz lebend und dort zum Historiker geworden) konzentriert sich auf die militärischen Begebenheiten, die er nach eingehendem Studium aller erreichbaren Quellen überaus detailliert darzustellen weiß. Wer meint, solche Lektüre könne nur langweilig sein, der nehme die Kapitel über die Schlacht um Budapest vor. Man weiß, wie alles endet; man kennt die Tragödie dieser Stadt, welche in Hitlers Strategie als „vorgeschobener Wellenbrecher und Kräfteverzehrer" zu fungieren hatte. 51 Tage sinnloser Widerstand; 50 000 deutsche Soldaten gefangen (nur 800 konnten sich durch den Belagerungsring kämpfen); 19 700 zivile Budapester getötet. Obschön man also dies alles weiß, läßt einen die Spannung nicht los.

Ein wesentliches Spannungselement ergibt sich aus der Akribie, mit der Gosztony die vielen kleinen taktischen Züge und Gegenzüge beider Seiten zum großen Schlachtenmosaik fügt „Spainung" aber auch aus jener höheren Ebene, in welcher sich unausgesprochen die Frage nach dem Sinn und der absurden Tragik des Geschehens stellt. Sechs Tage nach dem Fall von Budapest verheißt SS Oberstgruppenführer Sepp Dietrich dein Wienern, er werde „alles nur Menschenmögliche tun, dieses Bollwerk des deutschen Südostens — Wien — unserem deutschen Vaterland zu erhalten" —, aber im braunen Freundeskreis erklärt der nämliche Dietrich, sein Verband nenne sich deshalb „6. Panzerarmee, weil wir nur noch sechs Panzer haben".

Neben der militärischen die menschliche und die „politische" Dimension. Gosztony weiß, daß „Kriegsgeschichte" nicht eindimensional sein darf; er schöpft, um zum dreidimensionalen Geschichtsbild zu gelangen, auch aus privaten Tagebüchern und aus Werken der schönen Literatur. Beklemmend N. Smirnows Geschichten vom russischen Meisterschützen Afonyin, der in Budapest einen Freund zu rächen hat. Afonyin sitzt auf dem Dachboden eines „dreistöckigen Hauses unweit der Hauptkampflinie und wartet auf seinen „Hitleristen"; es kommt ein deutscher Offizier — der Meisterschütze zielt auf sein Bein, schießt und trifft; ein erster Soldat kommt dem Offizier zu Hilfe — Afonyin „traf ihn tödlich"; nach wenigen Minuten „kam ein zweiter Soldat. Afonyin schoß auch ihn nieder und gab dann dem Offizier den Gnadenschuß Eine Meine Episo de aus Hunderten, Zeugnis eines Hisses, der jüngeren Generationen unfaßbar erscheinen mag (und hoffentlich erscheint): Hie „Hitlerist", hie „Bolschewik" — Gauleiter reden gelegentlich sogar von Wilden, wenn sie Balkanvölker meinen.

Die Russen und die Zivilbevölkerung. Offiziell kamen die Sowjets als Befreier, nicht als Eroberer. Möglicherweise wäre vieles von dem, was geschah, indessen vergessen worden, hätte der „Kommunismus, der aus der Kälte tarn" (Sartre), die Donaustaaten nicht einen nach dem ändern satellisiert. Propaganda und. Wahrheit lassen sich auch heute nicht immer klar scheiden, ebensowenig die Verantwortlichkeiten. In Nordsiebenbürgen wüteten rumänische Maniu Gardisten nach der Befreiung des Landes gegen zurückgebliebene Ungarn, vornehmlich gegen Beamte; nicht wenige Ungarn wurden öffentlich geköpft. Die Sowjets stellten das Treiben ab. Behauptungen, wonach Tausende von ungarischen Jugendr liehen in die Sowjetunion verschleppt werden seien, waren schiere Greuelpropaganda.

Aber die Jagd der Sowjetsoldaten auf Uiren, Geld und Frauen war traurige Tatsache — in Rumänien nicht anders als in Ungarn, Jugoslawien, in Österreich und in der Tschechoslowakei „Asiens wilder Geschlechtshunger tobte in den Sowjetsoldaten. Eine Frau ist die erste Beute, die sie verlangen", schrieb Lajos Zilahy, ungarischer Schriftsteller und seinerzeit Vorsitzender der ungarisch sowjetischen Gesellschaft. Im ungarischen Raab (Györ) wurde der Bischof am Karfreitag 1945 von betrunkenen Soldaten ermordet, weil er sich schützend vor die in sein Palais geflüchteten Frauen gestellt hatte; „der sowjetische Stadtkommandant bereitete ihm ein Ehrenbegräbnis, bei dem russische Soldaten die Ehrenwache hielten "

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