Hannover sei, so sagte Karl Schiller bei der Eröffnung der Messe vor einem Jahr, das „Delphi unserer Industrie, wohin man fährt, um das Orakel zu befragen“. In diesem Jahr aber schwieg Pythia. Nach Abschluß der Messe weiß man nur, was vorher schon bekannt war: der deutschen Industrie geht es gut – doch niemand kann sagen, wie lange noch.

Wer in der vergangenen Woche das Orakel befragen wollte, brauchte sich nicht auf den Weg nach Hannover zu machen. Für ihn genügte ein Gang zur nächsten Börse. Die deutschen Aktienmärkte erlebten ihre schwärzesten Tage seit langem, die Kurse fielen unter den niedrigsten Stand des letzten Jahres. Die Börse ist ein empfindliches Barometer – es ist also nicht verwunderlich, daß manche in dem tiefen Sturz das Anzeichen eines bevorstehenden Gewitters sehen.

Nun sind fallende Kurse gegenwärtig kein auf die Bundesrepublik beschränktes Phänomen. In New York, London, Zürich, sogar in Tokio herrscht Baissestimmung. Und die Vertrauenskrise um IOS muß sich natürlich bei uns, wo die meisten Kunden dieses Investmentkonzerns beheimatet sind, besonders stark auswirken. Aber es gibt auch Anzeichen dafür, daß ein gewisses politisches Unbehagen die Kapitalanleger zum Abwarten veranlaßt (Siehe Seite 29).

Kein Zweifel, die Stimmung zwischen der Wirtschaft und der Regierung ist schlechter geworden. Dazu hat gewiß die widersprüchliche Konjunkturpolitik beigetragen. Erst wurde das beständige Schwanken des Wirtschaftsministers zwischen Ankurbelung und Bremsen beklagt. Inzwischen hat sich gezeigt, daß auch der Finanzminister nicht so konsequent handelt, wie man erwartet hatte: Alex Möller mußte zugeben, daß er in den, ersten Monaten mehr als doppelt soviel Geld ausgegeben hat, wie von ihm versprochen worden war.

Größeres Gewicht aber als Mängel bei der Konjunktursteuerung bekommen die Grundfragen der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Ganz unverkennbar wächst in der Wirtschaft die Sorge, die Sozialdemokraten könnten am Ende doch nicht nur eine „Modernisierung durch Reformen“ anstreben, sondern einen mehr oder weniger radikalen Umbau der bestehenden Wirtschaftsordnung. Zunächst war es nur die Aktivität neomarxistischer Außenseiter, die Nervosität erzeugt hat. In letzter Zeit aber wird die Frage gestellt, ob die Partei als ganzes solchen Strömungen noch genug Widerstand entgegensetzt – oder sich doch wieder langsam auf den Marsch zurück in den Sozialismus befindet (Siehe Seite 28).

Es ist nicht unverständlich, daß derartige Befürchtungen auftauchen: manche Vorschläge, manche Äußerungen führender Funktionäre lassen allzu viel ins Zwielicht geraten. So ist für niemandem mehr zu erkennen, wie die SPD künftig die Steuerlast, verteilen will. Und was ist davon zu halten, wenn Horst Ehmke in einem Fernsehgespräch mit Günter Gaus sagt, Privateigentum in der Großindustrie sei für ihn kein „abendfüllendes Thema“. Plädiert er etwa – trotz der Millionen Aktionäre und Investmentsparer – für „Vergesellschaftung“?

Manche Frage drängt sich auf. Warum wehrt sich die SPD gegen Ausgabe von VIAG-Volksaktien, warum gegen die Abschaffung des VW-Sondergesetzes? Will man etwa den Staatseinfluß benutzen, um dem Unternehmen Preise vorzuschreiben? Dies wäre nicht nur ein Verstoß gegen das Aktiengesetz, sondern auch die krasseste Form der „Planung en detail“, die Schiller immer so leidenschaftlich abgelehnt hat. Und warum soll die Vermögensbildung über „öffentlich kontrollierte“ – sprich von Funktionären gesteuerte – Fonds geleitet werden, warum soll der Arbeitnehmer nicht frei wählen können, wie er seine Ersparnisse anlegt.

„In der Bundesrepublik hat eine Tendenz zur Kapitalflucht eingesetzt.“ Diese Feststellung der gewiß regierungsfreundlichen Süddeutschen Zeitung sollte für die SPD ein Alarmzeichen sein. In Saarbrücken wird die Partei klarstellen müssen, daß sie unbeirrt den Weg der Reform geht – aber alle sozialistischen Experimente ablehnt. Diether Stolze