Die EKD unter Druck
In einer außergewöhnlichen Krisensituation tritt die Regionalsynode West der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), wie sie formell noch heißt (eine Regionalsynode Ost gibt es seit dem vergangenen Herbst nicht mehr), vom 10 bis 15. Mai in Stuttgart zusammen. Sie steht unter dem Druck theologischer, kirchenpolitischer, organisatorischer und kirchenrechtlicher Fragen. Diese Rumpfsynode wird über die Zukunft der evangelischen Kirche in der Bundesrepublik Deutschland entscheiden.
Pluralistische Theologie, politische und soziale Diakonie, Kirchenaustritte, massive Kirchensteuerkritik, EKD ohne Ostkirchen, landeskirchlicher Partikularismus, Überalterung der Synode und des Rates, Verwaltungsreform, Bekenntnisfragen: Diese Stichworte kennzeichnen die Lage Es geht in Stuttgart darum, ob die Großorganisation Evangelische Kirche in Deutschland mit der Wirklichkeit der siebziger Jahre zurande kommt. Vor allem sind Konsequenzen aus der Gründung des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR zu ziehen, aus der organisatorischen Abtrennung der acht östlichen Gliedkirchen. Der Rat hat bereits wenige Tage nach dieser Gründung mit seinem Beschluß vom 26. September 1969 reagiert. Dort heißt es: „Die Mitglieder des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland in der Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West) respektieren die von den Kirchen in der Deutschen Demokratischen Republik getroffenen Entscheidungen. Sie nehmen nunmehr als Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland die in der Grundordnung der EKD festgelegten Aufgaben des Rates für den Bereich der Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West) wahr. Weitere in diesem Zusammenhang erforderliche Maßnahmen der Ordnung für den Bereich der westlichen Gliedkirchen der EKD zu treffen, muß der nächsten Tagung der Synode vorbehalten bleiben Die Synode in Stuttgart kann sich also nicht mit der Feststellung begnügen, daß sie nicht mehr für die Kirchen der DDR zuständig sei. Nun ist zwar daran gedacht, die bisher den östlichen Ratsmitgliedern und Synodalen vorbehaltenen Plätze mit westlichen Mitgliedern zu besetzen; das wäre in beiden Gremien ein rundes Drittel. Daraus ergibt sieb aber die schwierige juristische Frage, ob diese ohne weiteres — auch per Grundordnujigsänderung — mSglich ist oder ob eine solche Vejmderusg dht in die Substanz der EKD Verfsssung angreift.
Doch geht es nicht nur um Zahlen und nicht in erster Linie um juristische Fragen, sondern um Sinn und Fusk?iwMiigkil 4er EKD. Mehr als ein Kirchenbund, weniger als eine Kirche — so ist die EKD gelegentlich charakterisiert worden. Das erscheint heute recht euphemistisch. Weniger als ein Kirchenbund — da„s ist heute die Realität. Während der DDE KI rAenimod bald ach seiner <5€n sj di rstea Schritte z seiner „Ktr&weräwng unternommen hat, quält sich die EKD, die ebenfalls ein Bund selbständiger Landeskirchen ist, eit ntmtnesr zweiundzwanzig Jahren mit bem Partikolarisraus ihrer Mitglieder herum, der noch vom Wiener Kongreß voja 18fi feestimgat ist.
eiae grücflifhe Reform dieses überlebten Landeskirchentums ist sschoa oh gesprochen worden. Der frühere Präsident der EKD Kanzlei, Heuiz; iJjmffloete, hatte bereits 1964 rkllrtt „Es gibt keue rastfcaftgn theologischen, geschiehtlidhea oder inaeddrdWicte Gründe für die Aufre4acjfca%aog dieses Zustandes territorialer Zufälligkeiten. LaJid$ktjpehen mit weniger als 100 oder 200 Plarem toben heute kein Recht auf seisüa4%e Existenz mehr Doch sie existieren no4 immer. Bisher ttejl es, man dürfe mit Rücksidst &jf die Brttder im Osten nicht von den alten OrpffllsaÄnsliniea abgebe. Dieses Argument gilt satt mAf_$©laf afeer Ä Synodalen der EKD überwiegend <ro 4ea Landessyjioden gewählt und von den Landeskirchen bestimmt werden, muß die JEKJ) unter diesem Repräsentaticmsdetekt leiden, der in ihre: Grujjdordnung eingebaut ist. Atrf diese Weise ist di ohnehin zaghafte ßestiösnf les Artikels 23 — „Die Synode hat di Aufgabe, der Erhaltung und dem inneren Wachstuta der Ivangelisdbsn Kirche in Deutschland z dienen" — weitgehend folgenlos geblieben; unter „fernerem Wachstum kann man viel verstetei. .
I; eiaer Zeit, in der eine heftige Diskussion über dk Grundfragen der Theologie entbrannt ist, streitet man sich OÄ darüber, ob lutherische, reformierte ujj4 nnwrte Protestanten za einer theologische Übereinstimmung gelangen können. Ein Ergebnis hat dies noch nicht eingebracht. Und dann wundert sich die Kirche, wenn sie von der breiten Öffentlichkeit als hoffnungslos veraltet angesehen wird.
Die Hauptfrage freilich, die von der Stuttgarter Synodaitagung entschieden werden muß, lautet; Ist die Evangelische Kirche in Deutschland von 1970 noch mit der Gründung identisch, die 1948 in Eisenach, vollzogen wurde? Die Antwort heißt: Nein. Dann muß aber eine verfassunggebende Synode einberufen werden. Die Grundordnung von 1948 widerspricht nicht hur den realen Gegebenheiten der siebziger Jahre, sie blockiert auch die Funktionsfähigkeit der EKD; Eine neue Grundordnung mit größeren Zuständigkeiten für alle gemeinsamen kirchlichen Aufgaben ist fällig. Dazu gehört eine neue Finanzverwaltung; denn es ist nicht länger tragbar, daß: die EKD im wesentlichen der Kostgänger der Landeskirchen und von deren Wohlwollen abhängig ist. Es müßte auch die Struktur und Zusammensetzung der Spitzengremien, vor allem des Rates, überprüft werden; dabei sollte auch die Vormachtstellung der Theologen in der EKD beseitigt werden. In der Synode und im Rat müssen die Nichttheologen die Mehrheit bilden.
Bei alledem geht es nicht um die Gründung einer zentralistischen evangelischen Einheitskirche. Der Föderalismus hat auch für die kirchlichen Organisationen seine Vorzüge. Aber der gegenwärtige Zustand ist partikularistisch. Eine föderale Struktur müßte zweckrational gegliedert sein; das bedeutet, daß die bisherigen Landeskirchen zum Teil aufgelöst und zu größeren Einheiten züsammengschlossen werden müssen.
- Datum 08.05.1970 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 8.5.1970 Nr. 19
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