"Die roten Fahnen nach hinten!"

Das historische Ereignis vollzog sich mit der Nüchternheit, die an der Ruhr sprichwörtlich ist. Ohne großes Aufsehen zu erregen, reihte sich der Bundeskanzler in die erste Kette der Demonstranten ein. Was bei Adenauer, Erhard und Kiesinger imdenkbar gewesen wäre, wirkte bei Willy Brandt fast selbstverständlich: Als erster Bonner Regierungschef ging er mit den Arbeitern auf die Straße und feierte mit ihnen ihren Ehrentag, den 1. Mai.

Die Begleitung für das Kanzler Debüt war wohl ausgewählt. Brandt marschierte mit den Männern der :Dortmunder Hoesch Westfalenhütte AG, die im vergangenen Sommer Gewerkschafter und Politiker das Fürchten gelehrt hatten. In ihren Reihen begann damals die Serie von wilden Streiks in der Stahlindustrie. Seither gilt die Stimmung der Hoesch Arbeiter als eines der zuverlässigsten Barometer für die politische Atmosphäre im größten industriellen Ballungszentrum der Bundesrepublik.

Anzeige

Während des Mai Marsches konnte der Kanzler eine „ruhige Wetterlage" registrieren. Diszipliniert und zufrieden zogen die zwei, dreitausend Arbeiter hinter ihm her. Keine Spur von der Unruhe, die die Stahlwerker im letzten Sommer ergriffen hatte. Auch ein paar rote Fahnen an der Spitze des Zuges störten das friedliche Bild nicht lange. Als die empörten Rufe „Die roten Fahnen nach hinten!" und „Kommunisten raus!" nichts fruchteten, nahm sich ein bulliger Hüttenmahn der farbentragenden Jünglinge an. Schnell und mit der Präzision eines Ringrichters trennte er sie von den unerwünschten Symbolen. „Das hätte auch noch gefehlt, rote Fahnen, wo wir den Bundeskanzler dabei haben", meinte danach einer, der eines der offiziellen Plakate mit der Forderung nach mehr Mitbestimmung trug. Anderthalb Stunden marschierte Willy Brandt mit den Arbeitern. Der Weg führte durch die tristen Straßen des Dortmunder Nordens mit ihren Häusern aus der Zeit der Jahrhundertwende, abgewohnten Häusern, die von dem Qualm der Industrieschornsteine grau geworden sind. Solche Straßen werden gewöhnlich einem Bundeskanzler nicht gezeigt; sie sind keine Aushängeschilder moderner Städte. Sie gehören aber zur bundesrepublikanischen Wirklichkeit, wie die Männer, die in offenen Hemden an den Fenstern standen, und die Frauen, feiertäglich leger in ihren Mprgenmänteln, Willy Brandt winkte ihnen mit seinem schwarzen Hut. Nur wenige winkten zurück, kaum einer lächelte. Ein Regierungschef aus Bonn, der inmitten von Arbeitern an ihren Häusern vorbeimarschiert i— das ist zu ungewöhnlich.

„Die Reaktion war doch sehr nett, überall freundliche Leute", meinte er nachher, als er über die Menschenmassen im Westfalenpark an der Bundesstraße l blickte. An der gleichen Stelle hatte im vergangenen Jahr Karl Schiller die Mai Rede gehalten. Er wurde gefeiert, stand auf der Höhe seines Ruhms als Retter der Wirtschaft „Diesmal muß sich der Bundes wirtschaftsminister und Dortmunder Bundestagsabgeordnete Karl Schiller vertreten lassen, weil er sich zur Kur befindet", stellte der örtliche DGB Vorsitzende fest. Doch die Nachricht übe? den in letzter Zeit geschmähten Minister wurde anders aufgenommen, als man erwarten konnte. Nicht Pfiffe, sondern herzlicher Beifall galten Schiller; er hat im Ruhrgebiet noch viel Kredit „Weil er geholfen hat, als an der Ruhr die schwarzen Fahnen wehten und ihnen die Existenzangst im Nacken saß", sagte einer der Redner. Auch Brandt kalkulierte die Vergangenheit ein. Deshalb konnte er mit der zustimmenden Antwort auf die Frage rechnen: „Ich weiß, daß Sie sich Sorgen machen wegen der Preise, aber war es 1966 nicht viel schlimmer, als Sie sich um di; Arbeitsplätze sorgen mußten?"

Freilich — um jubelt wurde der. Kanzler nicht. Auch nicht, als er sie an die Leistungen seiner Regierung erinnerte, an die Verbesserung in der Renten- und Krankenversicherung und an dia großen sozialpolitischen Pläne. Die Menschen ini Revier neigen ohnehin nicht leicht zur Begeisterung, sie haben es eigentlich nie getan. Spontaneität kann man bei ihnen höchstens einmal auf den Tribünen der Fußballplätze erleben. Au" Politiker reagiert man an der Ruhr eher skeptisch; das hat schon mancher erfahren.

Dennoch ist es bei diesem Kanzler anders, Er kann einen Satz wie „Die Wohlfahrt unserer Bürger ist das wichtigste Ziel unserer politischen Arbeit überhaupt" aussprechen, und sie nehmen ihm das Versprechen ab „Klassenkampf statt Partnerschaft!", „Mit der DDR für Frieden und Sicherheit in Europa!" — solche Spruchbänder wirkten wie Fremdkörper inmitten der Zustimmung auf die Kanzler Worte. Sind sie Beweise einer schweigenden, aber aktiven Minderheit? Wahrscheinlich. Radikalität findet im Revier zur Zeit wohl nur auf Transparenten statt. Davon konnte sich der Kanzler und „Gewerkschaftskollege" (Willy Brandt ist als ehemaliger Journalist Mitglied der Industriegewerkschaft Druck und Papier) auch auf einem Empfang für ein paar hundert Vertreter der Arbeitnehmerschaft überzeugen. Er sollte bei dieser Gelegenheit „ungefilterte" Meinungen aus dem Volke hören. Doch was er am häufigsten hörte, waren Bitten um Autogramme; er erfüllte sie mit der Geduld und Liebenswürdigkeit eines Mannes, der weiß, daß er mit seinem Namenszug vielen eine langwährende Freude bereitet. Sozial ist Brandt, selbst wenn es um Souvenirs geht. Und er ist wohl auch noch zu frisch in seinem Amt, um nicht mit unverhohlener Freude festzustellen, wie populär er ist.

Aber selbst für einen sozialdemokratischen Bundeskanzler, ist das seltene, direkte Gespräch mit den Arbeitnehmern nicht nur eine Autogrammstunde. Er weiß, wie nah in seiner Position die erfreulichen und bedrückenden Erfahrungen beieinander liegen. Das war an diesem 1. Mai nicht anders: Vertreter der IG Bergbau und Energie berichteten ihm vom Scheitern der Tarifverhandlungen und meinten, ein Streik der Bergleute sei nicht ausgeschlossen. Brandt, der vorher entspannt wirkte, lächelte nicht mehr. Ein Ausstand im Bergbau wäre das letzte, was seine Regierung gebrauchen könnte „Willy", meinte da einer der Zuhörer, „du bist nicht zu beneiden!" Das traf auch für die Fragen nach Schiller zu, die nun von Mann zu Mann, sozusagen unter dem Siegel der Vertraulichkeit, noch einmal gestellt wurden: „Die Zeitungen schreiben so viel „Die Zeitungen schreiben viel dummes Zeug", lautete die Antwort „er muß Kur machen und hätte sie schon früher machen sollen " Auch die Mitbestimmung ist nicht vergessen, von der vor der Bundestagswahl soviel die Rede war. Aber die Arbeitnehmer, die danach fragten, kennen die Schwierigkeiten. Ein Hinweis auf die unterschiedlichsten Ansichten in der Koalition zu diesem Thema genügte, um ein verständnisvolles Kopfnicken auszulösen.

Service