Von Dieter Buhl

Dortmund, im Mai

Das historische Ereignis vollzog sich mit der Nüchternheit, die an der Ruhr sprichwörtlich ist. Ohne großes Aufsehen zu erregen, reihte sich der Bundeskanzler in die erste Kette der Demonstranten ein. Was bei Adenauer, Erhard und Kiesinger-undenkbar gewesen wäre, wirkte bei Willy Brandt fast selbstverständlich: Als erster Bonner Regierungschef ging er mit den Arbeitern auf die Straße und feierte mit ihnen ihren Ehrentag, den 1. Mai.

Die Begleitung für das Kanzler-Debüt war wohl ausgewählt. Brandt marschierte mit den Männern der Dortmunder Hoesch-Westfalenhütte AG, die im vergangenen Sommer Gewerkschafter und Politiker das Fürchten gelehrt hatten. In ihren Reihen begann damals die Serie von wilden Streiks in der Stahlindustrie. Seither gilt die Stimmung der Hoesch-Arbeiter als eines der zuverlässigsten Barometer für die politische Atmosphäre im größten industriellen Ballungszentrum der Bundesrepublik.

Während des Mai-Marsches konnte der Kanzler eine „ruhige Wetterlage“ registrieren. Diszipliniert und zufrieden zogen die zwei-, dreitausend Arbeiter hinter ihm her. Keine Spur von der Unruhe, die die Stahlwerker im letzten Sommer ergriffen hatte. Auch ein paar rote Fahnen an der Spitze des Zuges störten das friedliche Bild nicht lange. Als die empörten Rufe „Die roten Fahnen nach hinten!“ und „Kommunisten raus!“ nichts fruchteten, nahm sich ein bulliger Hüttenmann der farbentragenden Jünglinge an. Schnell und mit der Präzision eines Ringrichters trennte er sie von den unerwünschten Symbolen. „Das hätte auch noch gefehlt, rote Fahnen, wo wir den Bundeskanzler dabei haben“, meinte danach einer, der eines der offiziellen Plakate mit der Forderung nach mehr Mitbestimmung trug.

Anderthalb Stunden marschierte Willy Brandt mit den Arbeitern. Der Weg führte durch die tristen Straßen des Dortmunder Nordens mit ihren Häusern aus der Zeit der Jahrhundertwende, abgewohnten Häusern, die von dem Qualm der Industrieschornsteine grau geworden sind. Solche Straßen werden gewöhnlich einem Bundeskanzler nicht gezeigt; sie sind keine Aushängeschilder moderner Städte. Sie gehören aber zur bundesrepublikanischen Wirklichkeit, wie die Männer, die in offenen Hemden an den Fenstern standen, und die Frauen, feiertäglich leger in ihren Morgenmänteln. Willy Brandt winkte ihnen mit seinem schwarzen Hut. Nur wenige winkten zurück, kaum einer lächelte. Ein Regierungschef aus Bonn, der inmitten von Arbeitern an ihren Häusern vorbeimarschiert – das ist zu ungewöhnlich.

„Die Reaktion war doch sehr nett, überall freundliche Leute“, meinte er nachher, als er über die Menschenmassen im Westfalenpark an der Bundesstraße 1 blickte. An der gleichen Stelle hatte im vergangenen Jahr Karl Schiller die Mai-Rede gehalten. Er wurde gefeiert, stand auf der Höhe seines Ruhms als Retter der Wirtschaft. „Diesmal muß sich der Bundeswirtschaftsminister und Dortmunder Bundestagsabgeordnete Karl Schiller ... vertreten lassen, weil er sich zur Kur befindet“, stellte der örtliche DGB-Vorsitzende fest. Doch die Nachricht über den in letzter Zeit geschmähten Minister wurde anders aufgenommen, als man erwarten konnte. Nicht Pfiffe, sondern herzlicher Beifall galten Schiller; er hat im Ruhrgebiet noch viel Kredit. „Weil er geholfen hat, als an der Ruhr die schwarzen Fahnen wehten und ihnen die Existenzangst im Nacken saß“, sagte einer der Redner. Auch Brandt kalkulierte die Vergangenheit ein. Deshalb konnte er mit der zustimmenden Antwort auf die Frage rechnen: „Ich weiß, daß Sie sich Sorgen machen wegen der Preise, aber war es 1966 nicht viel schlimmer, als Sie sich um die Arbeitsplätze sorgen mußten?“