Diktatur auf Bananen
(Immer wenn in Mittelamerika geputscht wirü, wenn Entführungen stattfinden, Unruhen blutig niedergeschlagen werden, wenn aus politischen Gründen gemordet wird, kurzum, wenn in den abfällig als Bananenrepubliken bezeichneten Ländern der Teufel los ist, glaubt man, den Drahtzieher zu kennen. Niemand anders als die United Fruit Company kann dann wieder ihre Finger im Spiel haben.
Am 30. März 1899 wurde im US Staat New Jersey die United Fruit Company (UFC) ins Handelsregister eingetragen. Mehr als irgendein anderes nordamerikanisches Unternehmen hat sie seit ihrer Gründung die Geschichte einiger Staaten Lateinamerikas mitgeprägt; Mamittz United oder auch Polyp, wie die Firma je nach Einstellung des Betrachters genannt worden ist, war in den siebzig Jahren ihres bisherigen Bestehens stets bevorzugter Prügelknabe rechter und linker Demagogen. Die United Fruit Company, die bei uns als Lieferant der Chiquita Banane bekannt ist, ist der Ausbeutung beziehtet worden, aber man spendete ihr auch Lob für das in den verschiedenen Ländern Geleistete.
Um die Rolle, die von dem riesigen Bananenproduzenten heutzutage vor allem in Mittelamerika gespielt wird, besser verstehen zu können, muß man in die Geschichte zurückgreifen. Über Ägypten kam die Speisebanane in die Neue Welt. Die Indianer kannten nur die Kochbananen. Die Spanier nahmen die exotische Frucht mit in die Heimat, wenn sie ihr Glück in der Neuen [Welt gemacht hatten, beziehungsweise so glücklich waren, ihr lebendig entkommen zu sein. : Allzu viele Bananen scheinen die Strapazen damaliger Atlantiküberquerungen allerdings nicht überstanden zu haben. Vor 1866 sprach man in Europa kaum von dieser Frucht. 1876 bot man in Philadelphia Besuchern der Messe anläßlich der ilOO. Wiederkehr des Unabhängigkeitstages Banen zu je zehn Cents an. Für damalige Verhältnisse war das ein recht stolzer Preis. Die Besucher staunten und kauften, und kauften und kauften Bald bestand in den Vereinigten Staaten eine ständig steigende Nachfrage nach Bananen. Unternehmungsfreudige Amerikaner kauften in Mittelamerika und den Antillen Bananen, transportierten sie in rund zehn Tagen gen Norden und verkauften sie mit riesigem Gewinn. Bald reichte die Versorgung nicht mehr aus. Das veranlaßte zwei Gentlemen, Andrew Preston und Captain Lorenzo Dow Baker, die Boston Fruit stromes zu gründen. Man schrieb das Jahr 1885. Einige Jahre später wurde die Boston Company, die inzwischen rund zwanzig Konkurrenten erhalten hatte, mit dem BananenimportUnternehmen eines Mr. Minor C. Keith fusioniert. Die United Früh Company war entstanden. Im November 1929 fusionierte die United Fruit Company mit der Cuyamel - Fruit Company, die von dem legendären Samuel Zemurray geprägt worden war. Der Landarbeitersohn aus Bessarabien kam gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in die Vereinigten Staaten. Als 15jähriger half er Verwandten in ihrem Ladengeschäft in Selma, Alabama, wo er eines Tages einem Bananenhändler zuhörte, der seine Ware anpries. Der aufgeweckte Knabe sah sofort die Möglichkeit, einige „Dollar zu machen", und zwar, indem er halb verfaulte Bananen aus dem Mobile Hafen billig einkaufte und diese schnellstens in nahe gelegenen Wohngebieten verhökerte. Er war derart erfolgreich, daß er bald Bananen per Eisenbahn in weiter abgelegene Ortschaften verschickte. Er kaufte sich bei Bananenimpprtfemen ein und reiste Anfang dieses Jahrhunderts nach Honduras, um mit den zuständigen Kreisen über Konzessionen für ausgedehnte Plantagen und eine Eisenbahn zu verhandeln. Es war damals allerdings ein schwieriges Unterfangen, festzustellen, wer eigentlich „zuständig" war.
Ende 1910 hieß der Präsident von Honduras Don Miguel Davila, dem gerade der absolute Staatsbankrott drohte. Davila hatte nordamerikanische Banken um einen größeren Kredit gebeten. Sie wollten ihn nur gewähren, wenn Don Miguel die Erlaubnis gab, einen „Aufpasser" einzusetzen. Er sollte darauf achten, daß aus dem Steueraufkommen der Kredit plus Zinsen schnellstens und termingerecht zurückgezahlt würde. Mr. Zemurray sah voraus, daß seine Plantagen in Honduras höhere Steuern bezahlen müßten, wenn der Kredit gewährt würde. Er sann auf Wege, Davilas Unterschrift unter die Bankenkonditionen zu vereiteln. Es traf sich, daß einige Honduraner einer Aufpasserfunktion eines ausländischen Bankbeauftragten mit unverhohlenem Mißtrauen begegneten. Einer davon war General Manuel Bonilla, Ex Präsident von Honduras, der gerade im Exil in den USA lebte. Der Generalissitno besuchte Zemurray, lieh sich Geld von ihm, das er zum Ankauf eines Schiffes, einer Kiste Gewehre nebst Munition und eines Maschinengewehrs ausgab. Die Privatjacht Zemurrays brachte ihn und zwei Waffenbrüder durch die von der US Navy kontrollierten Gewässer. Auf lioher See wechselten die Herren af ihr eigenes Schiff über und reisten nach Honduras.
Sie landeten in Puerto Cortes, sammelten einige Freunde um sich und verjagten Don Miguel Davila aus dem Amt. Davilas Kreditverhandlungen waren bald vergessen und Mr. Zemurray hatte bald alle Konzessionen, die er wünschte.
Zemurray begann, Bananen im American way volutionierte praktisch den Bananenanbau seiner Zeit. Er erfand neue Erntemethoden und verbesserte die Qualität der Frucht. Die Resultate seiner Dynamik waren bald überall zu spüren: die Cuyamel brachte bald die besten Bananen der Welt auf den US Markt Zemurray lebte selbst in den Tropen, um alle Fäden ständig fest in der Hand zu halten. Seine Plantagen dehnten sich bald gen Norden bis zur Grenze mit Guatemala. Es war ein Gebiet, daß seit über 50 Jahren ein Zankapfel zwischen Guatemala und Honduras war. Außerdem operierte im Süden Guatemalas die United Fruit Company, die das Treiben ihres Erzkonkurrenten mit einigem Unbehagen verfolgte.
Es kam zu einigen von dem Unternehmen „angeregten" militärischen Zusammenstößen zwischen Truppen von Honduras und Guatemala, die aber außer der Aufregung wenig Folgen hatten. Die Frage ist, ob die ausländischen Interessen die nationalen Regierungen für ihre Zwecke mißbraucht haben (und noch mißbrauchen) oder, ob die Regierungen nur einen willkommenen Anlaß sahen, endlich ein Motiv für ihre chauvinistische Expansion zu finden. Wahrscheinlich war vor allem der letzte Grund entscheidend. Die Konfrontation Zemurrays mit der United Fruit Company endete 1929, als er sein Unternehmen mit der älteren Konkurrentin fusionierte Nach einem kurzen Disput mit den Direktoren der United Fruit war Zemurray verantwortlicher Direktor für die Lateinamerika Operationen der Firma. Seinem Geschick ist es zu verdanken, daß die UFC die folgenden schwierigen Jahre erfolgreich überstand. Er reformierte das Unternehmen an Haupt und Gliedern.
- Datum 08.05.1970 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 8.5.1970 Nr. 19
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