Ein Geräusch geht um
Musik zur Schau gestellt" in der Hamburger Kunsthalle / Von Heinz Josef Herbort
Zunächst war er ziemlich enttäuscht. Er hatte eine Einladung von der Hamburger Kunsthalle bekommen wie üblich (er steht auf der Liste der zu allen Ausstellungseröffnungen Herbeizubittenden), er hatte den Titel — „Musik zur Schau gestellt" — gelesen, etwas ratlos, hatte auf eine Phatoausstellung getippt, Bühnenbild und Szene, Kostüme und Musiker m Aktion; vielleicht auch Instrumente aus" "fünf Jahrhunderten; oder gar etwas Neues von Geldmacher Mariotti. Und nun dies.
Irgend jemand bittet ihn in eine Säulenhalle, nichts Bemerkenswertes dort, die zwei, drei , vielleicht sogar vierhundert Gesichter sind ihm zum Teil fremd, sonst kennt hier doch jeder beinahe jeden, in Zusammenarbeit mit der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst" liest er auf dem Programm, die jungen Leute da sind also von der musikalischen Fraktion.
Was tun hier? Die Münzen in den Sdbaukästen ansehen? Die preußischen Prinzessinnen von Schadow? Musik? Doch nicht etwa die beiden Bronzen von Wagner und Brahms neben der Ausgangstür? Licht aus, nur vom Nebenraum blinken die Leuchtstoffröhren eines Lichtobjektes herein: Ob sich von dort her etwas tun wird? Da ist ein Geräusch, ist es eins, um das es hier geht? Es wird lauter, von irgendwoher, die Lautsprecher an den Wänden waren vorher nicht aufgefallen, etwas Elektronisches, ist schon wieder weg, kommt wieder neu, und noch einmal weg, jetzt ganz laut. Und plötzlich dazu eine Stimme, hoher Sopran, „eine grüne Musik, eine schwarze Musik, das weiße Feuer, das trokkene Holz", mitten unter den Besuchern, die Dame trägt langen roten Samt, ein rotes und ein grün blaues Auge, weißes Gesicht und weißer Busea, ein paar Gesteh mit den! Arm, Gesichtsaüsdruck unverändert starr, sie irrt umher, drängt sich durch die Zuhörer.
Und noch eine Stimme, ein Mann, direkt neben einem, wo kam er so plötzlich her, weißes Gesicht, wie ein Zebra schwarz gestreift, „ich will essen, hörst du nicht, bring mir Schnaps und Speck und Brot, mach das Fenster zu". Sie bewegt sich auf ihn zu, vermutlich eine Choreographie, sie sinkt ihm zu Füßen, liegt auf dem Boden, „mein dummer Mann, mein dicker Mann", sie tastet sich von Säule zu Säule, „er liebt mich nicht". Und aus den Lautsprechern einzelne Töne und Klänge, dazu ein Chor von Sprechstimmen „Die Stadt ist finster, ich will nicht allein sein, der Kartenspieler, in die Küche, hahahahaha "
„desperato" nennt der Wiener Komponist Gerhard Lampersberg seine Wortfetzen Szene für Sopran, Sprecher, Sprechchor und Tonband nach Texten von Thomas Bernhard. Ein „Wandelkonzert" — seit Stockhausen 1967 in Darmstadt bei „Ensemble" das Publikum den Musikern auf die Finger gucken oder sich der Darbietung durch die vorzeitige Flucht entziehen ließ, hat diese neue Richtung um sich gegriffen, letztes Jahr war sie bereits in Donaueschingen angekommen, jetzt also auch in Hamburg.
Der von der Kunsthalle zur Ausstellungseröffnung Gebetene nennt es mit seiner Terminologie ein „musikalisches Environment", seine Enttäuschung ist einem wohlwollenden Interesse gewichen. Der von der Musikhochschule, zum Konzert Eingeladene hingegen erkennt in dem von Wolfgang Finck konstruierten „Lichtobjekt", zwei mit hochglänzenden Platten besetzten unregelmäßigen Körpern, auf denen Leuchtstoffröhren aufblinken, seine „serielle" Einsatz- und Lichtwertfolge wieder.
Er beabsichtige, sagt Kunsthallendirektor Werner Hofmann, keine „Parallelyeranstaltung" von synchroner Malerei und Musik, nicht eine Neuauflage des romantischen Gesamtkunstwerks, sondern das Nebeneinander des Verschiedenen. Hofmann hat in Wien mit Friedrich Cerha und dessen Ensemble gute und mit den Kulturfunktionären schlechte Erfahrungen gemacht; die guten will er in Hamburg mit der Staatsoper und dem Norddeutschen Rundfunk, mit der Musikhochschule und der Akademie der freien Künste fortsetzen, erster Versuch dazu „Musik zur Schau gestellt". Von der Notwendigkeit, die Distanz zwischen dem reproduzierenden Künstler und dem konsumierenden Publikum aufzuheben, war in letzter Zeit häufig die Rede. Die Hamburger Veranstaltung hat wieder gezeigt, daß die Realität noch weit hinter der theoretischen Forderung herhinkt. Von spontaneren Reaktionen, von einem spürbaren Engagement der Hörenden und Sehenden war bislang bei derartigen Veranstaltungen wenig zu bemerken — Hamburg hat da keine Ausnahme gemacht. Ein bißchen belustigtes Deutlicher Hinschauen, die Bereitschaft der jetzt nicht mehr still Sitzenden, eine mokante Bemerkung, eine Witzelei zu wagen — von neuen Hörgewohnheiten noch keine Rede.
- Datum 08.05.1970 - 07:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 8.5.1970 Nr. 19
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







