Adorno -Horkheimer (VIII) Frankfurter Schule am Ende
Die Dialektik der Kritischen Theorie / Von Claus Grossner
Anfang und Ende der von Max Horkheimer und seinem Freund Theodor.
7. Adorno begründeten „Frankfurter Schule" zeigen MU, an ihrem Verhältnis zu Theorie und Praxis. Wie wenig von einer einheitlichen Frankfurter Schule zu sprechen ist, wurde noch einmal deutlich, als Adorno — er war am 6. August 1969 in Brig einem Herzinfarkt erlegen — beigesetzt wurde.
Während Max Horkheimer im Rahmen einer bürgerlichen Trauerzeremonie, zu der sogar der SDS einen Kranz mit Schleife niederlegte, das Bild einer einheitlichen kritischen Theorie zu wahren suchte und den Theoretiker Adorno mit der Erinnerung verteidigte, gerade Adorno habe im Jahr der Machtergreifung darauf gedrungen, sie beiden sollten — anstatt auszuwandern — in Deutschland bleiben und den Faschismus aktiv bekämpfen, hatte die aktionistische LederjackenFraktion durch Adornos Doktorand und Kritiker Krahl gerade noch davon abgehalten werden können, die Beerdigung als Anlaß für eine Demonstration mit Eiern gegen den hessischen Kultusminister Schütte zu benutzen. Diese, Szene hätte die Eskalationsreihe studentischer Attacken gegen die Person Adornos seit dem Sommer 1967 auf den Begriff gebracht, deren ShowbnsinessCharakter in der Öffentlichkeit die Frage zu verschleiern drohte, um die es ging: nämlich um das Verhältnis der kritischen Theorie zur revolutionären Praxis, besonders der Studentenbewegung in der Bundesrepublik.
Während Max Horkheimer, der um acht Jahre Ältere, in Montagnola und auf Kirchentagen bereits Anfang der sechziger Jahre die Abkehr vom Marxismus vollzogen hatte, verstand der Direktor des Frankfurter „Instituts für Sozialforschung sich weiterhin als kritischen Marxisten; Adorno, Professor für Soziologie und Philosophie, wurde Mentor, Kritiker und Zielscheibe der studentischen Praktiker.
„Heute wird die Antithese von Theorie und Praxis zur Denunziation der Theorie gebraucht", kritisiert Adorno seine Widersacher. Aber: „Denken ist ein Tun, Theorie eine Gestalt von Praxis" — nicht jedoch für die Berliner Studenten, die 1967 Adorno vergebens um ein Entlastungsgutachten im Brandstifterprozeß gegen Teufel und Langhans gebeten hatten.
Die Dialektik der Praxis physisch zu spüren bekam Adorno, der sich mit Horkheimer dazu bekannt hatte, die „kritische Theorie habe nie nach ihrer Anwendbarkeit geschielt", in der letzten Vorlesung seines Lebens („Einführung in das dialektische Denken"): Unter Chor Rufen „Nieder mit dem Denunzianten Ordinarius" streuten drei barbusige Blumenmädchen dem sich verzweifelt wehrenden untersetzten Schuloberhaupt Nelken- und Tulpenblätter aufs Haupt und küßten ihn ab — die Vorlesung war gesprengt.
So wenig Adorno und Horkheimer ein Leben geführt haben, so wenig der Mythos „Kritische Theorie" einer einheitlichen Philosophie beider entspricht, so sehr ist doch das Leben eines jeden dieser zwei Philosophen der Negativität geprägt von der persönlichen Erfahrung des Negativen. Bei beiden bestimmt ein „beschädigtes Leben" das Denken.
- Datum 08.05.1970 - 07:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 8.5.1970 Nr. 19
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



