Glänzendes Blut
Nach 20 Jahren: Meinberg wurde freigesprochen Siegen
Wenn es die Todesstrafe noch gäbe, wäre Arthur Meinberg vor 20 Jahren als angeblicher Mörder seines Arbeitskollegen Sommerhoff hingerichtet worden. Seine Unschuldsbeteuerungen hätten ihm nichts genützt. Und hatte nicht der psychiatrische Gutachter über Meinberg gesagt, gerade das „beharrlidie Leugnen" beweise eine Schuld? Da es die Todesstrafe nicht mehr gibt) wurde Meinberg hinter Zuchthausmauern gesteckt — lebenslänglich.
Meinberg fand sich nicht ab, er schrieb Briefe an Bundespräsidenten, Bundeskanzler, Minister und Bischöfe: Er beteuerte darin immer wieder seine Unschuld.
Auch sein ehemaliger Arbeitgeber, der Fabrikant Muhr aus Attendorn, bekam von Meinberg Briefe. Er glaubte ihm und beauftragte Privatdetektive mit neuen Recherchen im Falle Meinberg. Diese fanden einen Entlastungszeugen, der Meinberg zur Zeit der Tat zwei Kilometer vom Tatort entfernt gesehen hatte.
Und es gab eine Wäschereibesitzerin in Düsseldorf, die von ihren Verwandten für verrückt gehalten wurde, weil sie in die Gefängnisse ging und sich um Sträflinge kümmerte. Auch sie glaubte Meinberg und gewann den Münsteraner Rechtsanwalt Dr. Gross, der schon Maria Rohrbach und Hans Hetzel aus dem Zuchthaus holte, für eine Wiederaufnahme des Falles Meinberg. Zwanzig Jahre, nachdem das Siegener Schwurgericht Meinberg für schuldig befunden hatte, seinen Arbeitskollegen umgebracht zu haben, bekam Meinberg, wieder in Siegen, einen zweiten Prozeß — und wurde freigesprochen.
Das Gericht nahm sich Zeit, für Arthur Meinberg. 90 Zeugen waren geladen, und der Prozeß dauerte neun Tage. Sogar der Landgerichtspräsident und der Generalstaatsanwalt gaben Meinberg die Ehre. Und diesmal schlug Arthur Meinberg, um dessen Schicksal vor 20 Jahren sich niemand gekümmert hatte, eine Welle der Sympathie und des Mitgefühls entgegen. In den Verhandlungspausen drückten ihm wildfremde Menschen verstohlen Geld in die Hand.
Die zweite Verhandlung zeigte bald, daß das, was 1950 in Siegen über die Bühne ging, ein kriminalistisches Laienspiel war, ein Lehrstück dafür, wie die Justiz mit Hilfe von schlecht ausgebildeten Kriminalbeamten, schlampigen Gutachtern und interesselosen Anwälten das Leben eines Menschen verpfuschte.
Meinberg hatte Pech gehabt, daß er ausgerechnet am Abend des 20. Dezember 1949 mit seinem Arbeitskameraden Georg Sommerhoff gezecht hatte — bevor Sommerhoff am Friedhofsweg in Attendorn niedergeschlagen wurde. Als die Kriminalbeamten Weiberg und Bündels Meinberg am nächsten Tag vernahmen, entdeckten sie Blutspritzer auf seiner Jacke. Die Polizisten nahmen ihn mit auf die Wache, wo einer von ihnen seinem Vorgesetzten, dem Kriminalrat Loewe beflissen zuflüsterte: „Ich glaube, wir haben ihn Und der Kripomann Weiberg schrieb noch am selben Abend siegesgewiß: „Meinberg bestreitet die Tat, dürfte aber durch die vorhandenen und gesichteten Spuren überführt worden sein Die Spuren waren „frisch glänzende Blutspritzer" an Meinbergs Jacke und ein angebliches Gehirnteilchen auf seinem Schuh — so hatte es jedenfalls der Polizeiarzt festgestellt. Das ominöse Gehirnteilchen verschwand schon vauf dem Transport zum Gerichtsmedizinischen Institut in Hamburg. Und zu den Blutspritzern sagte Professor Dotzauer vom Gerichtsmedizinischen Institut in Köln heute: „Glänzendes Blut besagt nichts über das Alter aus "
- Datum 08.05.1970 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 8.5.1970 Nr. 19
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