Von Jutta Eggeling

Wenn ein Maler die Farben eines Sonnenuntergangs in Finnland naturgetreu treffen würde – niemand könnte ihm das Farbenspiel vom dunklen Blau über alle Gelb- und Rottöne bis zum düsteren Violett glauben.

Wenn ich nach vier Sonnen-Sommerwochen in Finnland braungebrannt nach Hause komme, müssen die Stempel im Reisepaß beweisen, daß ich nicht am Mittelmeer war.

Wenn ich Zweiflern sage, daß Helsinki fast die gleiche Jahresisotherme hat wie Lübeck, daß in Anbetracht des langen und kalten Finnland-Winters der Sommer im Land der tausend Seen also zwangsläufig heißer sein muß als an Deutschlands größter Badewanne – niemand glaubt es.

Ich habe selber dem finnischen Sommer und Finnland-Urlaubsreisen nie getraut, bis ... ich „ihn“ (den Sommer) und „es“ (das Ferienhaus) entdeckte. Zugegeben, es gehört nicht viel dazu, von „meinem“ Feriendorf (sechs Aufenthalte in drei Jahren; zu allen Jahreszeiten) begeistert zu sein. Es ist das unbestritten schönste (auch das teuerste!) in Finnland. Aber mittlerweile kenne ich das Land, ich habe mir ungezählte Sommerhäuser und die meisten Feriendörfer angesehen – es gibt manch anderes Haus, in das ich ziehen möchte (und das tun. jährlich etwa 100 000 deutsche Finnland-Urlauber).

Die Urform des finnischen Ferienhauses ist das „Sommerhaus“: Wohnhäuser von Familien, die in die Städte abgewandert sind, die es aber im Sommer doch wieder hinauszieht an den See in den Wäldern-, oder aber Häuser von Stadtfamilien mit „Landsitz“. Es ist in Finnland kein Luxus, ein solches Sommerhaus zu haben, und es ist kein Zeichen von Armut, es zu vermieten in der Zeit, in der man es nicht selbst bewohnen möchte. Meist sind es etwas ältere Holzhäuser, rostrot gestrichen, mit weißen Fensterrahmen, behaglich hingeduckt unter alten Bäumen am Seeufer. Der Komfort läßt hier oft Wünsche offen: Nicht überall gibt es Elektrizität; statt WC dominiert das Häuschen mit Herz in der Tür; das Wasser muß aus einem Brunnen oder dem See geholt werden; das Kochen auf Holzfeuer setzt bei verwöhnten Mieterinnen aus Stadtwohnungen einen ebensolchen Sinn für Komik voraus wie das Einkaufen im meist weit entfernten Kramladen, wo niemand – wozu auch? – Fremdsprachen spricht.

Diese Häuser sind geeignet für Individualisten, für Urlauber mit dem Wunsch nach vollkommenem Abschalten. Hier verdirbt ihnen kein Tour ristenrummel die stille Freude an unbeschreiblichen Sonnenauf- und -untergängen und den zwanzig Stunden dazwischen. Allerdings – dieses Leben drei Wochen nonstop zu leben, das sieht leichter aus, als es ist; romantische Träume und Realität decken sich nicht. Deshalb beizeiten den Weg zur nächsten Stadt erkunden und – zum nächsten Alko-Laden, dem staatlichen Alkohol-Monopolgeschäft. Natürlich kann man seinen Bedarf auch mitbringen; aber beim Schmuggeln zollfrei gekauften Whiskys ertappt zu werden kann kostspieliger werden als der Kauf der sündhaft teuren Schnäpse im Lande. Und vom Selbstgebrannten, den einem der 500 Meter entfernt wohnende finnische Nachbar nach einigen Anstandstagen der Zurückhaltung vielleicht präsentiert, sollten nur ganz widerstandsfähige Naturen probieren.