Im Urteil seiner Zeit
Wichtige Dokumente zu Leben und Werk Thomas Manns /VonMario Szenessy
Die Publikationen über Thomas Mann werden mit der Zeit immer rarer; dafür haben sie den Vorzug, keine zusammenfassenden Darstellungen seines Lebens uncl Werks zu bieten, keine tiefsinnigen, mit weithergeholten HegelZitaten garnierten Spekulationen über dialektische Spannungen zwischen Geist und Leben, keine apologetischen Versuche, „stetiges Wachstum", „Generallinien", öder gar „immanente Notwendigkeiten" nachzuweisen.
Thomas Mann ist zum Gegenstand einer Wis senschaft namens Germanistik geworden, deren perfekte Einbalsamierungskünste wahrscheinlich nicht wenig dazu beigetragen haben, daß des Dichters Werke in den USA in Japan, in Frankreich und auch in den Ostblockländern eifriger und begeisterter gelesen werden als in der Bundesrepublik, seiner eigenen Heimat, in seinem eigenen Nest, das er mit so viel Schmutz überschüttete, wenn man den Nestbeschmutzer Rufern Glauben schenken darf.
Erst kürzlich erreichte mich aus Paris die Aufforderung, zu einem Thomas Mann gewidmeten Band einen Beitrag beizusteuern, und zwar über die Einflüsse des Dichters auf die jüngste deutsche Schriftstellergeneration. Das Ersuchen kam aus einer fremden Welt: Während man hierzulande in einer Lufthansa Maschine „Bild" lesen darf, phne vor Scham zu erröten, findet man in der Metro nichts dabei, daß einer in einem Montaigne , Pascal- oder gar Corneille Band blättert. Ich dachte also an Peter Bichsel, an Hubert Fichte, an Adolf Muschg, ich dachte an Herhaus, Lettau, Renate Rasp, G. B. Fuchs, an Jürgen Becker und Uwe Brandner, ich dachte in letzter Verzweiflung an Rolf Dieter Brinkmann und an Peter O. Chotjewitz — aber es kamen keine Assoziationen zustande. Ich mußte dem MetroFahrer, dem in den Finessen deutscher literarischer Verhältnisse Unbewanderten, eine abschlägige Antwort zukommen lassen, ja ihm in aller Behutsamkeit die Vermutung nahelegen, daß viele junge Autoren es als peinlich empfänden, in einem Atemzug mit Thomas Mann genannt zu werden.
Trotzdem: Die Reihe der Thomas Mann Bücher hat sich nun um einen wichtigen Band bereichert, der viele, bislang kaum beachtete Materialien auch füf den schlichten und talarlosen Verehrer zugänglich macht und zugleich für die Forschung methodisch neue Ansatzpunkte und Aspekte erarbeitet; er stellt den komplizierten weltanschaulichen Entwicklungsprozeß des Dichters inmitten seiner hadernden und kriegführenden Umwelt in den Vordergrund, eine Folge von Wechselwirkungen, allmählichen Umschichtungen und Akzentverschiebungen — „Thomas Mann im Urteil seiner Zeit — Dokumente 1891 bis 1953", herausgegeben mit einem Nachwort und Erläuterungen von Klaus Schröter; Christian Wegner Verlag, Hamburg; 557 S , 28 — DM.
Gewiß, es gibt auch Verdrießliches in diesem Band (um gleich damit anzufangen), zumal im Nachwon. Klaus Schröter ist bereits 1963 mit seinen Neufunden, insgesamt acht Beiträgen Thomas Manns für die Zeitschrift Das XX. Jahrhundert, herausgerückt, ein Blatt, das, wie Schröter schreibt, „eine alldeutsche" Politik entschieden rechtsradikaler Observanz vertrat, gegründet auf eine völkische Weltanschauung mit allen Einschlägen der ßlut und Boden Doktrin und beherrscht von einem eifernden Antisemitismus. Thomas Mann unterwarf sich der Haltung des Blattes vollkommen "
Nun sollte man aber bedenken, daß Thomas Mann diese kurzen Buchrezensionen, denn es handelt sich durchweg um solche, mit 20 und 21 Jahren geschrieben und in jener Zeitschrift unter , gebracht hatte, die ihm eben zugänglich war: Das ominöse Blatt wurde für eine kurze Zeit von seinem Bruder Heinrich herausgegeben. Die nämlichen Rezensionen zeigen laut Schröters Analyse überdies den Einfluß des Franzosen Paul Bourget, eines überaus verdächtigen Patrons: „Bourget, Legitimist und Monarchist, war einer der nachdrücklichsten Gegner der Zweiten Französischen Republik. Er hielt die Demokratie für ein Zeichen politischer, nationaler und kultureller Decadence "
All dies hatte Klaus Schröter bereits in seinem früheren Thomas Mann Band in „rowohlts monographien" dargelegt, und zwar mit einer Ausführlichkeit, die innerhalb des bescheidenen Rahmens des schmalen Bandes eben nur dadurch zu rechtfertigen war, daß es sich um „Neufunde" immerhin bedenklicher, andererseits aber keineswegs umwerfender Natur handelte. Die Gilde der Mann Forscher brauste damals entsetzt auf, und der Stachel sitzt ihr noch heute tief im Fleisch. Schröter, der jetzt in diesem neuen Band viel Neues — und Wichtigeres — bietet, hätte getrost auf das angelegentliche Aufwärmen verzichten können; statt dessen rollt er die ganze Affäre noch einmal gründlich auf: „Die Wurzeln seines konservativ, ja reaktionär verstandenen Staatsbegriffs, wie er sich zwanzig Jahre später in seinen Schriften zum Ersten Weltkrieg mit allen weltanschaulichen Folgen manifestierte, liegen in der Epoche seiner schriftstellerischen Lehrjahre.
- Datum 08.05.1970 - 07:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 8.5.1970 Nr. 19
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



