Jetzt steht es fest: Midi!

Das Ergebnis der neuen vlodeschauen Überall akzeptiert / Von Marietta Riederer

München macht Mode" umdJeiert zugleich das zehnjährige Jubiläum seiner Mode WocheMesse, die gigantische Ausmaße angenommen hat. Von den 1400 Ausstellern kamen 540 aus dem Bundesgebiet, 110 aus Westberlin und 403 aus dem Ausland, wobei Prankreich, gefolgt von Großbritannien und Italien, an der Spitze lagen. Bayern und München waren mit 347 Firmen zur Stelle: Zum selben Termin präsentierte die italienische Konfektionsmode ihre Modelle in Florenz, und Paris folgte mit seinem 19. Salon International du Pret a porter. Abschließend zeigte Berlin auf seiner „Interchic" Konfektionsmode, während die Modellkonfektion in ihren eigenen Räumen die hochwertigste Mode von - der Stange vorstellte. So ist der April zum internationalen Modemonat avanciert. Deutlich gesagt: Es geht dabei überall um die Mode im kommenden Herbst und Winter.

Ein brisantes Unterfangen, galt es doch, die zaudernden, immer noch abwartenden Einzelhändler erst einmal von den neuen Rocklängen zu überzeugen. Nach intensiver Informierung und nachdem die Augen allmählich an die neuen Rocklängen gewöhnt worden waren — wozu auch die midiberockten Hostessen in den Ausstellungshallen beitrugen —, rollten die Orders lawinenartig an. In München wurden 40 bis 50 Prozent Midi (115 bis 118 Zentimeter) inklusive einige Prozent Maxi (130 bis 135 Zentimeter), „geschrieben". Der Rest nennt sich „normale Länge" und ist kniefrei. Mini existiert noch als Beilage und Restbestand aus den sechziger Jahren. Die Midilänge jedoch ist Siegerin.

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Midi zwingt zum Umdenken; denn es geht nicht nur um die neue Länge, es geht um eine völlig neue Mode, und die kann nicht mehr so bequem vom Kleiderbügel weggekauft werden wie die bisherige. Erst am Mannequin zeigt sich nämlich, ob sie die richtigen Proportionen hat, grazil und geschmeidig wirkt oder aber plump und scheußlich ist „Man muß jetzt viel gesehen haben, um zu wissen, was man nicht kauft", sagte ein Chefeinkäufer in München.

Man muß auch genau wissen, welche Zielgruppen von Kundinnen man bedienen will. Sinds die „Jungen" — und sind dem Geschäft oder dem Kaufhaus Boutique Moden angeschlossen —, dann ist die Mode faszinierend neu. Dunkle oder morbide Farben gehören zu dieser „jungen Mode". Die Skala enthält: Schwarz, Mocca, Rost, Hagebutte, Burgunder, Rosenholz, Honig, Violett bis Aubergine, Gobelin Blau, Eukalyptus Grün und Rohweiß.

„Fashion in", die Berliner Gemeinschaftsschau gleichgesinnter Firmen für junge Moden, zeigte unter dem Patronat der Farbwerke Hoechst einen Querschnitt, ihrer Mode. Schauplatz war ein Bühnenpodium inmitten von zehn superweißen Iglus, in denen die Firmen verkaufen. Röcke, Blusen, Kleider, Strickmoden, Mäntel und Lederkleidung folgen verwandten Richtlinien und zeigen vor allem die gleichen Rocklängen.

Scharen von Showgirls unter der Regie von Ernest Martin („Hair") demonstrierten gruppenweise in voller Bewegung die Modelle der Firmen. Wechselnde, teils farbige Lichtstöße, von Chor- und Popmusik begleitet, und eine gestenreiche Gymnastik paßten sich dem neuen Kleiderstil gut an. Gruppenmode prämierte sich reigenartig Hand in Hand; die wiegenden Verdrehungen der Oberkörper erinnerten verdächtig an das Wogen der Rheintöchter.

Deftige Ledermoden „spielten" da ein Treffen von - Schmuckkoffer Räuberinnen, die schreckhaft einherschlichen und Ausschau hielten. Als der Inhalt sich nur als farbige Holzperlenketten entpuppte, wurde die ganz mit schwarzem Leder verkleidete Räuberbraut ohnmächtig hinausgeschleift, Gleich folgten die harmlosesten Mädchen, hüpfend im Trippelschritt. Sie machten sich mit Notenblättern, Adreßbüchern, Häkelarbeiten und Schirmen zu schaffen, spielten „Nachbarin, Ihr Fläschchen" und tratschten mit der Freundin — und nur, um sommerliche Midi- und Maxiröcke zu „Granny Blusen" vorzutanzen. Niemand konnte da noch behaupten, man könne sich in den längeren und langen Röcken nicht bewegen . Nie war eine Mode abwegiger und zeitfremder als die junge Mode von heute. Mit Romantik, Folklore, mit „Chelsea style" oder „a la WesternSaloon", mit bäuerlichem Anateyka Look, mit einer Mode „wie vom Speicher geholt" kommt eine schöne, ach so falsche Bescheidenheit auf uns zu, Verkleidung mit der Wirkung von Minderbemitteltsein und lieblicher Scheinheiligkeit. Die plakative Minimode mit ihrem direkten Sex wird abgelöst von einer geheimnisvolleren Feminität. Sie wird den Schwung der Hüften, die Taille und das Gesicht mit neuem Augenaufschlag wieder zur Geltung bringen.

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