Vor 30 Jahren: Der deutsche Überfall auf Holland Nur die Königin war der Situation gewachsen

Von Ger van Roon

Am Abend des 9. Mai 1940, unmittelbar vor dem deutschen Überfall auf Holland, rief ein höherer Offizier der niederländischen Abwehr beim deutschen Luftfahrtattaché an und erkundigte sich, ob eingegangene Warnungen über einen bevorstehenden deutschen Angriff stimmen könnten. Der Attaché hat – natürlich – verneint und den Holländer beruhigt. Dieses eine Beispiel – es gibt deren mehrere – ist bezeichnend für die Einstellung vieler Holländer damals. Entweder wollten sie die Möglichkeit einer deutschen Aggression nicht wahrhaben, oder sie suchten die Realität bewußt zu verdrängen. Man hoffte halt, der Krieg werde ähnlich wie im Ersten Weltkrieg an Holland vorbeigehen.

Hier rühren wir schon an einen der Gründe für die militärische Niederlage im Mai 1940. Die Mehrzahl der Niederländer war psychologisch nicht auf einen Krieg vorbereitet. Der letzte Krieg, in den die Niederlande unmittelbar verwickelt waren, lag mehr als ein Jahrhundert zurück. Seitdem hatte das Neutralitätsdenken die Bewohner des kleinen Landes an der Nordsee politisch stark geprägt. Dreißig Jahre nach dem Debakel der holländischen Neutralitätspolitik hat nun der niederländische Historiker de Jong, Direktor des Amsterdamer Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie, ein großes Geschichtswerk herausgebracht, worin er, mit reicher Quellenkenntnis, die Hintergründe der holländischen Kapitulation ausleuchtet:

L. de Jong: „Het Koninkrijk der Nederlanden in de tweede wereldoorlog“, Band 2: „Neutraal“; 540 S., wiss. Ausg. 36,–, popul. Ausg. 16,– hfl; Band 3: „Mei 1940“; 558 S., wiss. Ausg. 45,–, popul. Ausg. 18,50 hfl, Staatsdrukkerij – Martinus Nijhoff Verlag, Den Haag 1969/1970.

Zu Recht bemerkt de Jong, daß der Krieg für Holland eigentlich schon in den zwanziger und dreißiger Jahren verloren wurde. Denn seither war die Verteidigung stark vernachlässigt worden. Als man im letzten Moment versuchte, noch einiges zu tun, wurden die Rüstungsaufträge nicht mehr oder nur teilweise ausgeführt. Die niederländische Armee war völlig unzureichend ausgerüstet. Sie besaß keinen einzigen Panzer – der Verteidigungsminister war der Meinung, die Panzerwaffe sei veraltet und das niederländische Terrain dafür nicht geeignet. Unter den fast vierzig Geschütztypen waren mehrere, die aus dem Heeresmuseum herangeholt wurden und noch aus den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stammten. Aus finanziellen Gründen hatte die Regierung Ende 1939 sogar gebilligt, daß Großbetriebe im Westen des Landes ihre Flak selbst bestellten.

Der Regierung mangelte es erheblich an Entschlußkraft. Ministerpräsident de Geer wird von de Jong als ein Politiker charakterisiert, dem jede Einsicht in die aggressiven Absichten des Dritten Reiches fehlte – und für den Kriegführung ein Buch mit sieben Siegeln war. Einige Minister sahen etwas weiter, aber sogar Kriegsminister Dyxhoorn hegte die Hoffnung, daß sich die Niederlande wohl mehrere Wochen gegen Deutschland verteidigen könnten.