Kinoland Kuba

Die „sozialistische Republik" Kuba hat etwa acht Millionen Einwohner, dreißig Prozent in allen Lebensbereichen gleichberechtigte Neger und Mulatten, eine Buchproduktion von über fünfzehn Millionen im Jahr, zweihundertfünfzigtausend Stipendiaten an Schulen und Universitäten und etwa fünfhundert Kinos. Kuba ist das Land der zwanzigjährigen Lehrer, Guts- und Fabrikvorsteher und der < dreißigjährigen Leiter von Ministerien, Universitäten und Krankenhäusern. In Kuba stehen in freier Landschaft Poster in Pop und Op Art, die Che Guevara und Fidel Castro preisen und zur Beteiligung an der Zuckerrohr Ernte auffordern. Kranksein und Telephonieren ist in Kuba gratis, Das kubanische Kino ist so alt wie die Revolution, elf Jahre. Wenige Wochen nach seinem Einmarsch in Havanna, im März 1959, ließ Castro das „Institute Cubano del Arte y la Indubeschäftigt dreißig Regisseure und etwa achthundert Mitarbeiter, unterhält eine Kinemathek mit dreitausend Filmen, gibt Filmbücher und die Zeitschrift Cine Cubano heraus, produziert jährlich vierzig Dokumentär- imd vier bis fünf Spielfilme und alle acht Tage die Wochenschau durch das Land, die Unterrichts- und Spielfilme zeigen vor Menschen, die oft noch nie in ihrem Leben einen Film gesehen haben.

Das Kino in Kuba ist staatlich, das ICAIC kontrolliert die Filmtheater, die Produktion aller Filme, den Export und Import. Läßt ein Film zu stärke Mißdeutungen befürchten, wird er zurückgezogen. Das geschah beispielsweise bei dem tschechischen Film „Die Hppfenpfiücker", bei Jörge Ffagas In solchen Tagen" oder bei Fernando Viilaverdes „El Mär".

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Kubanische Filme sind politische Filme. In den letzten Jahren ernteten sie bei Festivals und Retrospektiven in Karlsbad, Leipzig, London, Moskau, Oberhausen, Pesaro und Venedig Preise und internationale Anerkennung. Bei den Westdeutschen Kurzfilmtagen in Oberhausen wurde im vergangenen Monat eine Retrospektive mit zwölf Spielfilmen, sechsundzwanzig Kurzfilmen und elf Wochenschauen gezeigt. Oft war eine einzige Szene in einer kubanischen Dokumentation besser und durchdachter als stundenlange dünnblütige Exerzitien, die sich auch politische Filme nannten, aus den kapitalistischen Ländern.

In kubanischen Reiseberichten westlicher Journalisten und Schriftsteller wunderte einen die bei aller Skepsis unverhohlene Begeisterung für das „Land der permanenten Revolution"; man versteht sie besser, wenn man die kubanischen Filme gesehen hat, die eminent politisch sind, didaktisch konzipiert, die trotzdem oder gerade deshalb durch ihre formale ästhetische Gestaltung bestechen. Es ist die uneingeschränkte Modernität eines revolutionären soziokulturellen Prozesses, die einen großen Teil der Faszination Kubas auf den Westen ausmacht und die sich auch in seiner Filmproduktion niederschlägt. Es gibt wohl heute kein Land, das so konsequent den Film als politisches Instrument einsetzt, das dabei von vornherein die Beherrschung der Ästhetik des Mediums zur Bedingung macht und das innerhalb von zehn Jahren ein solches Niveau erreicht hat. Eine Regel aus dem Gründungsstatüt des ICAIC: „Der Film ist Kunst Eine berühmte und vielzitierte Devise Fidel Castros: „Die Revolution ist eine Kunst Der dritte Teil des Dreisatzes ist ein Zitat von Santiago Alvarez, dem Leiter der kubanischen Wochenschau: „Der Film ist eine Waffe der Revolution", ein Leitsatz, dem wiederum Alvarez Ausspruch in Oberhausen korrespondiert: „Castro ist der größte Künstler Kubas "

„Kunst und Revolution", heißt es im „Cine gensätzliche Begriffe zu sein, sie beeinflussen und ergänze sich int ider revolutionären Praxis. Der gleiche Artikel plädiert für die Verantwortung des Intellektuellen und Filmschaffenden in der Dritten Welt und polemisiert gegen „lähmendes philosophisches Schwadronieren" oder „intellektuelle Seifenblasen". Man ist versucht, in Klammern hinter den ersten Vorwurf zu setzen: jungdeutscher politischer Film, und hinter den zweiten: Godard.

Der kubanische Film als Mittel der „kulturellen Entkolonialisierung" will ein neues, kritisches, aktives — kurz, ein revolutionäres Publikum schaffen. Die Kubaner versuchen das nicht durch den doktrinären sozialistischen Realismus zu erreichen, den sie als ideologischen Irrtum abtun, sondern durch die Vielfalt der Formen und Richtungen „von der Schwärmerei bis zur nüchternen Kritik" (Tomäs G. Alea).

Oft gehen sie erstaunlich weit dabei, in der Schwärmerei wie in der Selbstkritik, im Bewußtmachen der Revolution wie in der Umsetzung der politischen Essenz in Ästhetik und Spiel. Schwärmen tun sie vor allem mit der Kamera. Die erste Episodeaus „Lucia" von Himiberto Solas (vor kurzem vom ZDF ausgestrahlt) und „Der erste Angriff mit der Machete" von Manuel O. Gomez sind fast verselbständigte hpchartifizielle Kunstwerke: Eine entfesselte Kamera, das eisstatische, melodramatische Spiel sowie überbelichtetes, solarisiertes oder negativ kopiertes Filmmaterial verfremden lange Kampfszenen zu fast abstrakten Bewegungsspielen, wobei das Ausspiren der Grauwerte graphische Effekte von seltsamem Reiz schafft. Die glutvollen und melancholischen Revolutionslieder im „Ersten Angriff", die an Garcia Lorca, Bunuel und Bergman orientierten Szenen oder die Figur der irrsinnigen Nonne (ein Symbol für das geschuadene, vergewaltigte Kuba) in „Lucia" stilisieren das Geschehen eher, anstatt es zu einer klaren politischen Quintessenz zu verdichten. Der Film „Ich bin Kuba", eine russische Coproduktioa, arbeitet in vier Episoden mit das Bild grotesk verzerrenden Kamerafahrten, die man in solch atemraubender Länge und Perfektion noch nickt gesehen hat; letztlich aber bewirken sie ein kaim noch ertragbares Pathos, eine so grelle Symbolik, daß der Vorwurf des Ästhetizismus, in der Regal ein Argument der sozialistischen Länder gegen den kapitalistischen Film, angebracht erscheint. Tomäs G. Aleas vergleichsweise realistischere Filme sind sicher auch politisch wirksamer. Er appelliert gern an den „neuen Menschen" der Revolution durch das negative Gegenbild des dekadenten, vorrevolutionären Bourgeois. In der Komödie „Die zwölf Stühle" nach dem berühmten, oft verfilmten russischen Roman von Ilf Petrow jagt ein behäbiger, egoistischer Alter, von der Revolution enteignet, einem versteckten Juwelenschatz nach. Er hat kein Glück, fällt immer wieder herein, muß sogar zum erstenmal in seinem Leben arbeiten — fast hat man Sympathie und Mitleid mit ihm. Eine brechtsdie Figur in einem ironischen, heiteren Lehrstück über das falsche Bewußtsein.

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