„Reise um die Welt“ von Adelbert von Chamisso, herausgegeben von Walther Migge. Wenige Jahre, nachdem er seinen Helden Peter Schlemihl das Leben in Siebenmeilenstiefeln ahasverisch-naturforschend hatte beschließen lassen, nahm Chamisso als „Titular-Gelehrter“ an einer russisch finanzierten „Entdeckungsreise in die Südsee und nach der Behringstraße zur Entdeckung einer nordöstlichen Durchfahrt teil. Dieser Band enthält, nebst zeitgenössischen Illustrationen, eine recht fragmentarische Auswahl aus dem, was – so der Verfasser – „ein gradsinniger Mann, der selbst gesehen und geforscht“, über die dreijährige Expedition geschrieben hat. Von den (für den Laien herzlich uninteressanten) Beobachtungen des späteren Vorstehers der königlich-preußischen Herbarien an Fauna und Flora findet sich einiges, und auch das „Kolorit“ einer solchen wenig komfortablen Weltumseglung ist angedeutet. Einigermaßen ausführlich sind die enthusiastischen Eindrücke des durch die Zeitläufe europamüden preußischen Ex-Lieutenants französischer Provenienz vom „anmutigen Volk von Radack“ in der Südsee wiedergegeben, Inkarnationen des vielberufenen „natürlichen“, „edlen Wilden“ mit kleinen Fehlern. Die Durchfahrt wurde nicht entdeckt, und 1818 kehrte der botanisierende Dichter in seine Wahlheimat zurück, deren „Schooß mit stillen Thränen“ der Rührung er alsbald lyrisch feuchtete. (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 87 S., Abb., 24 DM)

Rainer Zimmer

„Warnung vor Spiegeln“, Gedichte von Günter Kunert. Es ist ein weiter Weg von dem 1950 veröffentlichten Gedichtband „Wegschilder und Mauerinschriften“ bis zu den Gedichten der Jahre 1965/69. Aus dem politischen Pragmatiker Kunert ist ein menschlicher Pragmatiker geworden, der weiß: „der Mensch, / der ist in keiner anderen Dimension daheim / als im Präsens: / Alles wird jetzt getan oder niemals.“ Die Kinder, die es besser haben sollen als wir, wissen besser, was für sie besser ist – unaufhörlich wiederkehrendes Thema seiner im börneschen Sinn auf Gegenwart insistierenden Lyrik: Schluß mit dem ewigen Stimmen, und niemals beginnt das Konzert! „Welt, du Schemel und Krippe konkurrierender Götter, / Gehst auf dem Amtsweg unmerklich aus Fugen und Leim. / Brennholz für Scheiterhaufen die Bänke der Spötter, / Jeder ein Phönix, satt der eigenen Asche, denn: Time / Is over, it’s time.“ Die Buchstaben zu lesen, die keine sind, die verschlüsselten Mauerinschriften, ist Kunert eine Sprache zugewachsen, die im präzisen Benennen eine Art negativer Opulenz besitzt, einen Reichtum, ohne zu schwelgen, bis hin zur Selbstaufhebung des Gedichts; denn mehr als ein Gedicht ist beispielsweise kein Gedicht: „Gedicht ist Zustand, / den das Gedicht zerstört, / indem es / aus sich selber hervortritt.“ (Reihe Hanser 33, Hanser Verlag, München; 87 S., 5,80 DM)

Martin Gregor-Dellin