Mannheim Bis zum 3. Juni, Galerie Lauter: „Dieter Krieg“

Als Dieter Krieg 1966 den Kunstpreis der Jugend kassierte, war er ein eigenbrötlerischer Repräsentant der Neuen Figuration. Dann hat er Schritt für Schritt die Figur aus seiner Malerei eliminiert, erst blieben „Händchen“ übrig oder auch Füße; in der Serie „Hosenbilder“, bei der die Mannheimer Ausstellung einsetzt, war über dem prägnant gezeichneten Hosenbund der Mensch als knautschiger Wurmfortsatz, und schlingernder Wulst vorhanden. Zusammen mit der Figur wurde das emotionale Moment verdrängt zugunsten empfindungsloser Röhren- und Stangensysteme, die graue Schatten auf die total weiße und leere Bildfläche werfen, Krieg nennt diese Bilder eine „Schwarzwald“-Serie, er lebt in Baden-Baden. Im neuesten Zyklus „Acht Malsch Wannen“ hat er mit Hilfe der Spritzpistole, die jede Nuance von Schatten und Licht auf die Leinwand überträgt, den Realitätsillusionismus, eine nichtgewollte Parallele zu Tendenzen in der jüngsten amerikanischen Malerei, auf die Spitze getrieben: Das lebensgroße Wannenbild wird mit dem darzustellenden Gegenstand identisch. In seiner Grauwertigkeit ist „Malsch“ (ein Dorf bei Karlsruhe, eine telephonische Fehlverbindung, ein lautmalerisches Pendant zu Falsch), nicht weniger subtil als ein Graubnersches Kissenbild und nicht weniger provokant. Gottfried Sello

Nürnberg Bis zum 31. Mai, Kunsthalle: „Der Bildungstrieb der Stoffe – Ferdinand Friedlieb Runge(1794-1867) gewidmet“

Runge war zeitlebens ein Einzelgänger. Seine bahnbrechenden chemischen Forschungen blieben ohne Resonanz, seine erstaunlichen Ausflüge auf das Gebiet ästhetischer Phänomene fanden keine Aufmerksamkeit. Erst heute beginnen wir Runges Versuch einer Synthese von Wissenschaft und Ästhetik zu schätzen. Er erzeugte durch Auftröpfeln von Salzlösungen auf Saugpapier farbige „Bilder“, die ihre Entstehung dem „Bildungstrieb der Stoffe“ verdankten (in einem Buch gleichnamigen Titels teilte er die Ergebnisse seiner Experimente 1855 der Öffentlichkeit mit). Unsere Zeit interessiert sich für ein Verfahren, das die Herstellung ästhetischer Objekte mittels Ausnutzung des „schöpferischen“ Prinzips der Materie ermöglicht. Die Kapillarität des „Bild“-Trägers erlaubte es, eine chemische Reaktion sichtbar zu machen: das ästhetisch apperzipierbare Gebilde hatte sich selber produziert. Damit hatte Runge, der das Ganze wohl mehr als kunstpädagogisches Anschauungsmaterial betrachtete, eine uralte Streitfrage auf überraschende Weise gelöst: Die Natur schien imstande, selbsttätig Kunst zu erzeugen, vorausgesetzt, man wußte sie entsprechend anzuregen. Runge hatte sicher nicht vor, seine natürlichen „Artefakte“ gegen die Kunst auszuspielen, das überließ er seinen neuesten Interpreten und Nachfolgern, die wissenschaftliche Experimente in den Rang ästhetischer Offenbarungen hochstilisiert haben. Photographisch fixierte Phasen chemischer Prozesse, unter polarisiertem Licht sich verändernde Kristallisationsformen, ganz allgemein: durch technische Manipulationen hervorgerufene Visualisierungen von Naturvorgängen, dienen zum Beweis, daß wissenschaftlich präparierte Natur notfalls Kunst ersetzen könne. Zu den Erzeugnissen dieser neuen Innerlichkeit, die den „Bildungstrieb“ von Bakterienkulturen entdeckt hat, keinKommentar: Schimmel bleibt Schimmel. Helmut Schneider

Wuppertal Bis zum 31. Mai, Kunst- und Museumsverein: „Hans Peter Alvermann“

Ein Torso, Alvermanns Nachlaß bei Lebzeiten, das Werk von 1959 bis 1966, als er mit der Kunst Schluß machte, um ausschließlich politisch zu arbeiten. Der Fall ist einmalig in der Bundesrepublik und hat endlose Diskussionen unter seinen sozialistischen Freunden (nachzulesen vor allem in Richard Hiepes „Tendenzen“) ausgelöst. Der Künstler, der zur antikapitalistischen Bewußtseinsbildung beitragen wollte und der, als er erlebte, wie der Kulturbetrieb mit ihm Geschäfte machte, mit totaler Verweigerung reagierte. Ein Jammer, daß ausgerechnet Alvermann und nicht einer der vielen unqualifizierten Polit-Künstler solche Konsequenz demonstrieren mußte. Alvermann war mit seinen „soziografischen und politischen Objekten“ das Beste, was wir auf diesem Gebiet in den sechziger Jahren in Deutschland hatten. Und er hat aus der Assemblage nicht nur politisches Kapital geschlagen. Er gibt sich so wenig doktrinär und ebenso ironisch und auch romantisch wie Wolf Biermann, den er einmal mit seinem „Sauber“-Objekt zu illustrieren versucht hat („Jeden Sonntag geht der nette fette Vater...“). Er bastelt das „Porträt einer recht alten Dame“ und „Variationen zu einem Thema von Händel“ aus zerbrochenem, zerbröckelndem, ausgedientem Material, Pendulen, Musikinstrumenten, vergilbten Papieren, Dingen vom Kulturmüllhaufen, will Alvermann uns einreden, der mit Entzücken und Genuß trotz revolutionärer Gesinnung in diesem Kulturmüll stöbert. Die Objekte werden Mitte der sechziger Jahre – „The American Tragedy III“, „An Fortuna – Danksagung für stattgehabtes Wirtschaftswunder“ und, eines der schrecklichsten und grausamsten Objekte in der Kunst der sechziger Jahre, „Truppenbetreuung in Vietnam“ von 1966 – immer aggressiver in der politischen Tendenz. Ob es logisch ist, diese Dinge, nachdem er die Kunst als ein unbrauchbares Instrument verworfen hat, wieder in einem Museum zur Schau zu stellen, muß Alvermann selber wissen. Jedenfalls hat er dem Katalog mit dem ersten kompletten Oeuvre-Verzeichnis das Kommunistische Manifest im Wortlaut als Broschüre beigelegt. Gottfried Sello

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