Aus den Hauptstädten der Welt Paris feiert Matisse
Kunst im Käsekeller — Dubuffets Schreckenskabinett — Luxus und Ordnung Von Gottfried Sello
Paris, zwei Jahre danach, der historische Mii 1968 ist vergessen oder verdrängt, die Revolutionsplakate sind in den Kunsthandel und h private und öffentliche Sammlungen geganger , die Essays der Theoretiker, die für die Kunst die Stunde X gekommen sahen, kann man in Paperback nachlesen, und Guttusos Großes Revolutionsbild, Mai 1968, das in der Form des in der Sammlung des Großindustriellen Dr. Peter Ludwig.
Beim Eingang von „Comparaisons 1970" werden Handzettel verteilt. Die Künstler protestieren, auch in diesem Mai. Paris, capitale mondiah seine Künstler in den Untergrund, in die Cave Salon „Comparaison", die sich früher im Mu see mal im Käsekeller ausstellen.
Das Museum sei einigen Privilegierten vorbehalten, die Stadt verweigere ihren Künstlern die Hilfe. Aber so übel ist, der Keller nicht, ia dem sie sich eingerichtet haben, der Präsident des Salons Rodolphe Gaillaux schildert zwar mit bewegten Worten den Unrat und pestilenzartigen Geruch, den sie im Bauch von Paris bei ihren ersten Besuchen angetroffen hätten, aber sie haben bis zur Eröffnung mit Hilfe des unermüdlichen Jean Pierre Piaubert dieRäume in Ordnung gebracht, und" auch der Kellersalon steht unterm Patronat des Kultusministers. Die Empörung des Präsidenten und der Salonmitglieder klingt ein bißchen nach Theaterdonner, Protest unter staatlicher Protektion, wenn man kein; neue Gesellschaft haben kann, dann wenigstens neue Ausstellungsräume. Der Salon Comparaison hält sich, und das ist erstaunlicher als seine diesjährige Behausung, für ein Forum oder sogar das wichtigste Forum der aktuellen Pariser Kunst. Cas hier quer durch alle Stile an Belanglosigkeiten einerseits und blühendem Kitsch auf der ändern Seite geboten wird, wäre selbst auf "der Großen Münchner undenkbar. Selbst die Kinetik wird im Salon mit billigsten Kitscheffekten in blau silbernem Lichtgeriesel verramscht. Und mitten in dem schauerlichen Gemüse trifft man auf, Soto und Demarco i! ad j 5rvir ;gJ und, Monchatre, und das ist allerdings der Unterschied zu irgendeiner lokalen Provinzschau in der deutschen Provinz. Die Pariser Arrivierten sind gänzlich uninteressiert, "dB" sie ifi~ miserable NachBafschäft "geraten, sie beliefern aus alter Anhänglichkeit ihren Salon, wo Deutsche entsprechender Güte längst sich vornehm zurückgezogen hätten. Als bemerkenswert und im Rahmen des Salons 1970 vergleichsweise aktuell würde ich eine Gruppe notieren, die unterm Stichwort Trompe lceil die Phalanx der neuen Figuration darstellt und von Maximiliea Gauthier und einigen ändern Kritikern lebhafakklamiert wird. Fenster und Türen, die der Betrachter öffnen oder schließen, Schränke und Spinde, in die er hineingreifen möchte, sind in jeder Menge und virtuoser Ausführung vorhanden.
Der Salon ist nicht Paris, Rückschlüsse auf die allgemeine Situation sind dubios. In den Galerien wird die Katastrophenstimmung, die sich nacli dem Ende der Ecole de Paris ausbreitete, durcli forcierte Munterkeit überspielt. Optimisten meinen, Paris werde in den siebziger Jahren seine einstige Position zurückgewinnen, und warum sollte der nächste Akt nicht wieder in Pari; spielen, wo doch die New Yorker Bühne schor wieder dunkel wird. Ist Schöffers Tour cyberDas häufig vorgeführte Modell ist in diesem Mai wieder einmal bei Denise Rene zu sehen, während in Osaka Schöffers Luminodynamismen kreisen, 1973 soll der Schöffer Turm in ganzei Länge, realisiert werden, derart langfristige Planungen sind äußerst riskant, wer weiß, ob dei kybernetische Turm im Jahr nach der 5 documenta ein nur noch historisches Monument wi weiland der Eiffelturm darstellen wird.
Bei CNAC, dem im Vorjahr eröffneten Centn elle Institution und dazu geschaffen, das verblaßte Image der Kunstmetropole aufzupolieren (ein problematischer Versuch, Paris hatte seine große Epoche ohne staatliche und offizielle Unterstützung), bei CNAC also, in diesem notdürftig für zeitgenössische Kunst eingerichteten Halb feudalbau in der Rue Berryer sieht man Le phantastisches Environment, zum erstenmal versucht sich nun auch Dubuffet in diesem nicht mehr ganz neuen Medium, automatisch schließt sich hinter dem Besucher die Tür, er ist alleingelassen in dieser Welt parasitärer Wucherungen, aus den beweglichen Wänden lösen sich Figuren, die grimmässierend und dreidimensional sich im Raum breitmachen. Das Kabinett, erläutert Dubuffet, setzt einen Logos zweiten Grades voraus und ist darauf angelegt, den Besucher zu desorientieren und aus der Normallage aufzuscheuchen, ein männlicher und ein weiblicher Paladin fletschen die Zähne. Dubuffet läßt seinem alten Groll gegen die Zivilationsmechanismen freien Lauf, kontert gegen Rationalität mit neuaufgelegtem art brut und dem Logos zweiten, höheren Grades, dem Logos der Wahnsinnigen, mit magischem Infantilismus, und er wird mit dieser verkrampft brutalen Logologique im ein Symptom nicht für das aktuelle Geschehen, aber für die Unsicherheit, die das Pariser Klima bestimmt, das Schwanken zwischen Resignation und der vagen Hoffnung, daß die Pause vor dem nächsten Akt, das Dilemma der sechziger Jahre vielleicht schon morgen enden könnte.
Bis dahin lebt Paris von seiner Vergangenheit, und nur Paris kann sich das leisten, wärmt sich und begeistert sich an den Altmeistern der Moderne, man füllt die Pause mit Retrospektiven und Zentenarien. Picasso, Braque, Chagall, Leger, auch Signac, notfalls sogar van Dongen, oder, weiter zurück Delacroix und Ingres, die Jubiläen reißen nicht ab, immer ist ein Geburtstag zu feiern, Picassos 90 ist auch nicht mehr so fern. In diesem Jahr ist nicht Picasso an der Reihe, sondern Matisse, der am 31. Dezember 1869 geboren ist, der Antipode, den Picasso bewundert und gänzlich mißverstanden hat, wenn das vielzitierte Zitat authentisch sein sollte, glaubwürdig ist es jedenfalls, es komme „nur auf das eigene Selbst an, auf die Sonne im Bauch, nur deshalb ist Matisse Matisse, weil er eine Sonne im Bauch hat". Was immer die Sonne im Bauch veranschaulichen mag, Ursprünglichkeit, Instinkt für die Farbe, Ekstatik, Rausch, Leidenschaft, das sind genau die Vokabeln und Qualitäten, die bei Matisse nicht vorkommen. Aber sie gehören doch ins Vokabular des Fauvismus, den kein anderer als eben Matisse kreiert hat. Erfinder und Zentralgestalt des Fauvismus, unter dieser Kennmarke wird er präsentiert, in der geduldigen Kunstgeschichte, auch im Kindler, auch auf der Münchner Expressionistenschau, die Ende Mai nach Paris kommt.
Matisse unter den Fauves ist ein Synonym für das historisch verbürgte Wort vom „Donatello unter den Wilden". Der fauvistische Matisse ist so großartig wie paradox. Der Künstler, der dank überragender Intelligenz eine Möglichkeit begreift, die seiner Natur konträr ist, versuchsweise mit ihr umgeht und sie den jüngeren, von geistigen Skrupeln unbelasteten Malern, zuspielt, die sie begierig aufnehmen, sich entzünden und entflammen lassen und das Maximale herausholen, mehr als der Erfinder, als Matisse auf diesem Weg je hätte erreichen können, einen neuen Stil, den Fauvismus. Er ist, wenn überhaupt, dann ein zögernder, abwägender, zurückhaltender Fauvist, den die ändern mit ihren Farbdynamitpatronen mühelos überstrahlen. Und aus dieser widersprüchlichen Haltung, die Farbe zu entflammen und sie zu disziplinieren, resultiert eine Malerei, die sich vom Fauvismus, auch wo sie ihm ähnlich sieht, souverän distanziert.
- Datum 08.05.1970 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 8.5.1970 Nr. 19
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