Von Rolf Zundel

Bonn, im Mai

Walter Scheel marschiert gegenwärtig auf der Talsohle der Popularität, aber er bewegt sich dabei mit so heiterer Gelassenheit, als ob er sich auf einem Nachmittagsspaziergang in seinem salzburgischen Urlaubsort Hinterthal befände. Von Panik keine Spur, er wirkt nüchtern, ausgeglichen. Scheel hat einfach kein Talent – und wie er meint, auch keinen Anlaß –, sich als tragikumwitterte Figur zu präsentieren. Daß er zunächst wegen wirklicher und vermeintlicher Schwächen hart attackiert und dann mit mitleidiger Geringschätzung behandelt wurde, scheint ihn in seiner Selbstsicherheit kaum beeinträchtigt zu haben. Er analysiert seine Lage interessiert, aber leidenschaftslos – so als ob der Außenminister ein guter Bekannter von Walter Scheel wäre.

Diese Unempfindlichkeit gegenüber Stimmungen in der Öffentlichkeit ist eine der Hauptursachen für seinen Popularitätsverlust. Im Gegensatz zu seinem Kabinettskollegen Genscher, der „die Flöhe husten hört“, hatte Scheel in seinem Urlaubsort gar nicht bemerkt, daß die Entführung des Botschafters Spreti eine Welle von Emotionen ausgelöst hatte. Und es hatte nachhaltiger, fast grober Ermahnungen bedurft, um ihn zur Reise nach Bonn zu bewegen. „Wieso nach Bonn“, sagte sich der Außenminister, „wo ich doch auch hier die Fäden in der Hand habe, wo ich doch weiß, daß nichts versäumt wird, um den Botschafter zu retten.“

Walter Scheel ist auf drastische Weise belehrt worden, daß auch ein Außenminister eine Figur der Innenpolitik ist. Er muß sich um die öffentliche Meinung kümmern, denn die negative öffentliche Resonanz schlägt auf ihn und das Amt zurück. Jede Behörde, und das gilt für das Auswärtige Amt besonders, wird unruhig, wenn der Ressortchef als ein Minister ohne Fortune gilt, wenn das Amt nach außen hin zu stark mit Erklärungen und Dementis zur Stützung des Ministers beschäftigt ist und gar nicht mehr dazu kommt, die eigene Leistung zu präsentieren.

Scheel ist trotz seiner scheinbar so gefälligverbindlichen Art ähnlich wie sein Vorvorgänger Schröder eher spröde im Umgang mit der Öffentlichkeit. Was ihn unter anderem von Schröder unterscheidet, ist die Tatsache, daß der Außenminister Adenauers keine Schwierigkeiten hatte, sich gegenüber dem Kanzler zu profilieren: Es gab sachliche Differenzen genug. Und unter Kanzler Erhard war es Schröder, der außenpolitisch den Ton angab. Zwischen Brandt und Scheel aber gibt es in den Grundzügen der Außenpolitik keine Differenzen. Scheel kann zwar mit Recht behaupten, daß die Außenpolitik der Bundesregierung gar nicht möglich wäre, wenn die FDP nicht diese Regierung möglich gemacht hätte. Aber ungleich schwerer ist zu beweisen, daß der FDP-Vorsitzende die Außenpolitik macht.

Gerade deshalb war es so fatal für das Image von Scheel, daß der Brandt-Brief an Gomulka am Außenminister vorbei nach Warschau geschickt wurde. Dabei ist es gar nicht so wichtig, wann Scheel über diesen Brief unterrichtet wurde – dies läßt sich in der Tat mit einer Panne erklären. Entscheidend ist, daß Scheel bei der Konzipierung dieses Briefes, der ja ein Stück der Außenpolitik ist, gar nicht eingeschaltet worden war. Dies war es, was den Außenminister zu einer zwar kontrollierten, aber harten Reaktion veranlaßte.