"Right or wrong, mya Scheel"

Walter Scheel marschiert gegenwärtig auf der Talsohle der Popularität, aber er bewegt sich dabei mit so heiterer Gelassenheit, als ob er sich auf einem Nachmittagsspaziergang in seinem salzburgischen Urlaubsort Hinterthal befände. Von Panik keine Spur, er wirkt nüchtern, ausgeglichen. Scheel hat einfach kein Talent — und wie er meint, auch keinen Anlaß —, sich als tragikumwitterte Figur zu präsentieren. Daß er zunächst wegen wirklicher und vermeintlicher Schwächen hart attackiert und dann mit mitleidiger Geringschätzung behandelt wurde, scheint ihn in seiner Selbstsicherheit kaum beeinträchtigt zu haben. Er analysiert seine Lage interessiert, aber leidenschaftslos — so als ob der Außenminister ein guter Bekannter von Walter Scheel wäre.

Diese Unempfindlichkeit gegenüber Stimmungen in der Öffentlichkeit ist eine der Hauptursachen für seinen Popularitätsverlust. Im Gegensatz zu seinem Kabinettskollegen Genscher, der „die Flöhe husten hört", hatte Scheel in seinem Urlaubsort gar nicht bemerkt, daß die Entführung des Botschafters Spreti eine Welle von Emotionen ausgelöst hatte. Und es hatte nachhaltiger, fast grober Ermahnungen bedurft, um ihn zur Reise nach Bonn zu bewegen „Wieso nach Bonn", sagte sich der Außenminister, „wo ich doch auch hier, :

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die Fäden in der Hand habe, wo ich doch weiß, daß nichts versäumt wird, um den Botschafter zu retten "

Walter Scheel ist auf drastische Weise belehrt worden, daß auch ein Außenminister eine Figur der Innenpolitik ist. Er muß sich um die öffentliche Meinung kümmern, denn die negative öffentliche Resonanz schlägt auf ihn und das Amt zurück. Jede Behörde, und das gilt für das Auswärtige Amt besonders, wird unruhig, wenn der Ressortchef als ein Minister ohne Fortune gilt, wenn das Amt nach außen hin zu stark mit Erklärungen und Dementis zur Stützung des Ministers beschäftigt ist und gar nicht mehr dazu kommt, die eigene Leistung zu präsentieren. Scheel ist trotz seiner scheinbar so gefälligverbindlichen Art ähnlich Wie sein Vorvorgänger Schröder eher spröde im Umgang mit der Öffentlichkeit. Was ihn unter anderem von Schröder unterscheidet, ist die Tatsache, daß der Außenminister Adenauers keine Schwierigkeiten hatte, sich gegenüber dem Kanzler zu profilieren: Es gab sachliche Differenzen genug. Und unter Kanzler Erhard war es Schröder, der außenpolitisch den Ton angab. Zwischen Brandt und Scheel aber gibt es in den Grundzügen der Außenpolitik keine Differenzen. Scheel kann zwar mit Recht behaupten, daß die Außenpolitik der Bundesregierung gar nicht möglich wäre, wenn die FDP nicht diese Regierung möglich gemacht hätte. Aber ungleich schwerer ist zu beweisen, daß der FDP Vorsitzende die Außenpolitik macht.

Gerade deshalb war es so fatal für das Image von Scheel, daß der Brandt Brief an Gomulka am Außenminister vorbei nach Warschau geschickt wurde. Dabei ist es gär nacht so wichtig, wann Scheel über diesen Brief unterrichtet wurde — dies läßt, sich in der Tat mit einer Panne erklären. Entscheidend ist, daß Scheel bei der Konzipierung dieses Briefes, der ja ein Stück der Außenpolitik ist, gar nicht eingeschaltet worden war. Dies war es, was den Außenminister zu einer zwar kontrollierten, aber "harten Reaktion veranlaßte.

Brandt scheint eingesehen zu haben, daß ein auf solche Art kurzgeschlossener. Draht den Außenminister und sein Amt in eine schwierige Rolle bringt. Und man kann sicher sein, daß eine solche „Panne" nicht mehr vorkommen wird. des Bundeskanzlers hat, einen- beträchtlichen Wahrheitsgehalt. Er beschreibt nicht nur Dankbarkeits- und Loyalitätsgefühle für den Mitbegründer der Koalititon; er charakterisiert auch die Notwendigkeit, mit der FDP — und das heißt auch: mit dem Außenminister Scheel —leben zu müssen.

Scheel zeigt im übrigen nicht den" geringsten Anflug von Resignation, und die FDP kann ihn nicht zurückziehen, falls sie nicht, die absonderliche Neigung haben sollte, ihr eigenes Prestige zu schmälern. Auch innerhalb der Partei ist die Stellung von Scheel nicht bedroht. Die FDP ist gegenwärtig zu schwach, um sich Führungsexperimente leisten zu können. Daran ändert auch die Versammlung der positiönsvertriebenen und einflußgeschädigten Rechtsliberalen in Nordrhein Westfalen wenig. Diese Gruppierung könnte nur gefährlich werden, wenn die Landtagswahlen für die FDP katastrophal ausfallen sollten, und das ist wenig wahrscheinlich. Insoweit scheint Scheel ungefährdet, aber das löst noch nicht seine Probleme und die des Auswärtigen Amtes. Zwischen Bundeskanzler und Außenminister waren die Beziehungen eigentlich immer heikel, sobald der Bundeskanzler ein starkes außenpolitisches Interesse besaß, und das war mit Ausnahme von Erhard bei allen Kanzlern der Fall. Das galt für die Konstellation SchröderAdenauer, es zeigte sich im Verhältnis BrandtKiesinger, das für den damaligen Außenminister eine Serie von Frustrationen mit sich brachte, und das trifft jetzt, wenn auch auf andere Art, für das Team BrandtScheel zu. Erschwerend kommt für Scheel hinzu, daß Brandt als Außenminister in seinem Amt einen hohen Respekt erworben und bei der Regierungsbildung einige der fähigsten Leute, an der Spitze den ehemaligen Planungschef Egon Bahr, ins Kanzleramt geholt hatte. Die Konstruktion, daß der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Duckwitz, allmorgendlich an der „kleinen Lage" im Kanzleramt teilnahm, die zwar unaufdringliche, aber wirkungsvolle Art Brandts, seine Wünsche dem Auswärtigen Amt nahezubringen, die Tatsache, daß die außenpolitische Konzeption der Bundesregierung in ihren Grundzügen schon unter Brandt im Auswärtigen Amt entstanden war und im kleinen Beraterkreis des Kanzlers weiterentwickelt wurde, der Umstand schließlich, daß die wichtigsten Unterhändler — Bahr in Moskau und Duckwitz in Warschau — entweder aus dem Kanzleramt kamen oder dem Kanzler sehr verbunden waren — all das führte dazu, daß die Grenzen zwischen dem Ministerium und dem Bundeskanzleramt fließend wurden, so daß man sich fragte: Wozu braucht man eigentlich einen Außenminister?

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