Von Fred-Roderich Pohl

Mit sich und der Natur allein sein, tagelang keinen Menschen sehen – Lappland. Sie sind unbelastet vom weltweiten Tagesgeschehen. Nur ihr Rucksack drückt; er enthält, neben der üblichen Wanderausrüstung, Gummistiefel (ohne die ein solches Unternehmen im nächsten Sumpf steckenbliebe), eventuell ein Moskitonetz (made in Japan, für zehn Mark in Rovaniemi gekauft), Wanderkarten Maßstab 1:20 000 und vor allem Proviant für eine Woche. 15 bis 20 Kilogramm tragen Sie so mit sich, eine Last, die von Tag zu Tag leichter wird – je mehr Sie verbrauchen.

Sie starten von der Eismeerstraße Rovaniemi–Ivalo aus. Etwa 260 Kilometer nördlich des Polarkreises, abseits der Ölkiesstraße, stehen einige Häuser: Saariselkä. Das ist die letzte Siedlung. Das Ende der Zivilisation. Ab hier liefern Sie sich der Natur aus und – dem Wetter.

Richtung Rumakuru-Hütte. Die Einsamkeit ist absolut. Totenstille. Selbst Vögel suchen Sie vergebens. Bizarre Baumtorsi streben kahle Äste in die hitzeschwangere Luft. Noch gibt es Pfade, bald aber nur noch Rentierwechsel. Ein Bach mit glasklarem, leise gurgelndem Wasser hat sich durch den Berg geschnitten. Das canyonartige Tal führt nach Südosten. Am Ende des Tales, an einer V-förmigen Schlucht, steht die Schutzhütte.

Es ist eine der Blockhütten, die vereinzelt im gesamten Saariselkä-Gebiet gebaut wurden. Sie stehen jedem Wanderer offen, allerdings unter den selbstverständlichen Voraussetzungen, daß man beim Weitermarsch genügend gehacktes Holz und – wenn möglich – auch einige haltbare Notvorräte an Essen, wie Haferflocken oder Makkaroni, hinterläßt. Holz liegt an jeder Hütte in ausreichender Menge. Säge und Axt sind ebenfalls vorhanden. Sie holen Wasser und machen ein Feuer, nach Waldläuferart: ein Stück trockene Birke mit dem scharfen Finnmesser so anschneiden, daß jeweils kleine, dünne, lockenartige Kringel entstehen, die nun mit einem Streichholz angezündet werden können. Die Holzpritsche ist mit Platz für sechs bis acht Personen gebaut. Der Tisch ist roh zusammengezimmert.

Wenn einmal die Essen Vorräte (sehr gut: Lappenbrot, flach und rund, Sauerteig) früher zur Neige gehen, als Ihnen lieb ist; wenn Vorräte verderben; wenn Sie sich entschließen, noch einige Tage länger in der Wildnis zu bleiben; kurzum: wenn Not am Manne ist – Sie können sich auch aus der Wildmark notdürftig versorgen. Es gibt Polarbrombeeren. Im Hochsommer sind sie noch nicht reif, es empfiehlt sich daher, sie zusammen mit zerstampfter Holzkohle zu essen, um das „Schlimmste“ zu verhindern. Auch Birkenrinde kann man essen: die Innenschichten von Birkenrinden zerkleinern und abkochen, das sich ansammelnde bittere, grünliche Wasser abgießen, das Abkochen wiederholen, bis ein unansehnlicher Brei übrigbleibt, der neutral bis leicht bitter schmeckt.

Es ist nicht ganz einfach, sich in der Wildmark Lapplands zu orientieren. Die Fjälle, kahle Bergkegel, sehen einer dem andern täuschend ähnlich. Am besten Sie folgen anfangs – zum Eingewöhnen – den Bachläufen, aber Vorsicht: man verliert sich dabei leicht in kleinen Sümpfen.