Es ist heute nicht mehr zu ermitteln, wer mit dem Unsinn angefangen hat Wer zum erstenmal, vor zehn Jahren etwa, in fetten Buchstaben schrieb: Geheimtip für den nächsten Sommer - Norwegen! Seither benutzt jeder diese Verlegenheitsanpreisung. Geheimtip ? Vor siebzig Jahren schon machte der Kaiser Betriebsausflüge hierher. Sackgasse im Fjord

Von Rosemarie Hirsch

Vier von fünf ausländischen Touristen besuchen Norwegen im eigenen Wagen. Dieses (der Fläche nach) fünftgrößte Land Europas wird von Auto Touristen bevorzugt — der Geographie zum Trotz. Norwegen ist verkehrsfeindlich; ein langgestrecktes Land mit tief eingeschnittenen Fjorden und Flußtälern und schroffen Gebirgen. Straßen lassen sich hier nicht mit dem Lineal planen. Reisepläne mit 400 Kilometer Tagesetappen lassen sich hier nicht verwirklichen , 800 Kilometer lang ist die Autotour durch nördlichsten der Westlandfjorde (der „Gipfel der Fjorde"): am bekanntesten ist der Geiranger Fjord — Sieben Tage, eine volle Woche, sollte man sich für diese Route Zeit nehmen; Abstecher machen, wandern, angeln (Angelkarten auf den Postämtern), am frühen Nachmittag Quartier suchen (der Bezirk ist nicht hotelarm -aber auch, wieder nicht so reich an Unterkünften, daß es jederzeit und überall freie Zimmer gibt), Ausgangspunkt der Tour ist Dombäs im nörd:

liehen Gudbrandstal, an der Europastraße 6. Die Europastraße 6 folgt hier im wesentlichen der alten Königsstraße von Oslo zur Domstadt Trondheim; sie verläuft oberhalb von Dombäs m rund tausend Meter Höhe kilometerweit fast eben, unter den Gipfeln des Dovre Gebirges. Nicht weit von Hjerkinn, am höchsten Punkt der Straße (1026 m), erinnert eine im vorigen Sommer eingeweihte kleine Kirche an den König Eystein, der vor achthundert Jahren hier die erste Schutzhütte für Reisende bauen ließ. Ein ausgedehntes Pflanzen- und Vogelschutzgebiet ist hier eingerichtet worden; bisweilen wechseln wilde Rentiere über die Straße, und mit viel Glück bekommt man einen der vor Jahren hier ausgesetzten Moschusochsen zu sehen. Vom Westen leuchtet der schneebedeckte Gipfel von Norwegens zweithöchstem Berg, Snöhetta (2286 m), von dessen Höhen die Driva kommt, ein ungestümes Wasser mit reißenden Stromschnellen und tiefen Strudeltöpfen.

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Oppdal liegt — ähnlich wie Dombas — in einer Mulde. In Oppdal kann man mit Pferden des Reitervereins ausreiten, auch an den vom Verein veranstalteten acht- bis zehntägigen Reittouren teilnehmen. Botaniker aus Europa und Amerika nehmen den ganzen Sommer über in der Stadt Quartier: an geschützten Stellen in der Umgebung haben einige Pflanzenarten die letzte Eiszeit überlebt; es gibt sie nur noch hier.

Die Driva kehrt sich in Oppdal in einer scharfen Wendung zur Küste hin, tost 50 bis 100 Meter unterhalb der gut ausgebauten Straße. Auf der anderen Seite des Tales gibt es über weite Strecken überhaupt keine Straße, dennoch leben dort ein paar Bauern auf Einödhöfen. Einer hat in schwindelnder Höhe über dem Fluß eine Lastenseilbahn- zur Straße gebaut, die primitiven Kastenhänger schaukeln gefährlich über dem Fluß. Die Driva gilt im Sportangler Paradies Norwegen als einer der besten und ergiebigsten Lachsflüsse. Im vorigen Jahrhundert noch, erzählt man in den Stuben an der Straße, murrten und meuterten Knechte und Mägde, wenn auf „ den Höfen mehr als dreimal In der Woche — Lachs auf den Tisch kam.

Die hübschen Einzelhäuser und die modernen Wohnblocks von Sunndalsöra lassen nicht ahnen, daß dieser Ort m knapp zwei Jahrzehnten auf 5000 Einwohner angewachsen ist. Hier steht das größte Aluminium Schmelzwerk Westeuropas mit einer jährlichen Produktion von 120 000 Tonnen. Die Energie liefert ein 300 Meter in den Fels hineingebautes Kraftwerk, das zweitgrößte Norwegens, mit einer Leistung von 300 000 Kilowattstunden „Weißem Gold": Seine Turbinen werden vom Wasser aufgestauter und umgeleiteter Gletscherflüsse angetrieben, das in einem 700 Meter höher gelegenen See gesammelt wird.

Aber Sunndalsöra macht nicht den Eindruck einer Industriesiedlung. Berge, zwei hohe, benähe senkrecht aufragende Berge links und rechts; am Ende eines Fjords gelegen und am Ausgang von zwei Gebirgstälern, von denen vor allein Lilledalen sehenswert ist. Sunndalsöra ist durchaus attraktiv —- und das nicht erst in neuer Zeit: Schon um 1850 bauten sich Engländer hier Ferienhäuser.

Die Straße läuft nur wenige Kilometer neben dem engen Sunndalsf jord her, schlägt dann einen weiten Bogen zum benachbarten Surnadalsfjord und kehrt beim Schulzentrum Tingvoll, zwischen Obstbäumen und sanft ansteigenden Wiesen, wieder zum ersten Fjord zurück. Kurz hinter Sunndalsöra bietet sich ein lohnender Abstecher ins Innertal an, das landauf, landab als „schönstes Tal Norwegens" gilt.

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