Der Kampf der Studienräte Ungeschickte Taktiker
Die nordrhein westfälischen Studienräte zusätzlich zu ihrer Pflichtstundenzahl erteilen ; Daß ihre Kampfmaßnahme ins Schwarze trifft, weil sie den verzweifelten Bemühungen der Sdiulbehörden, die Unterrichtslücken in den Stundenplänen zu stopfen, die Kooperationsbasis entzieht, wird sich schnell erweisen: Für die Schüler wird npch mehr Unterricht ausfallen, lehrerlose Klassen, die bisher „mit durchgezogen" wurden, können nun gleich zu Hause bleiben, und die Eltern werden sich noch ratloser als bisher schon fragen, ob eine derart amputierte Unterrichtsanstalt den Anspruch aufrecht erhalten kann, ihren Kindern höhere Bildung zu vermitteln.
Es wäre allerdings gefährlich für die Studienräte, wenn sie nur das Ausmaß der Katastrophe augenfällig demonstrierten, ohne der Öffentlichkeit gleichzeitig verständlich machen zu können, was sie wollen. Eben das aber scheint nicht die Stärke der Philologen zu sein. Es geht ihnen um Besoldungsfragen, aber keineswegs einfach um mehr Geld. Vielmehr verlangen sie, nachdem die Gehälter der Grund- und Hauptschullehrer in Nordrhein Westfalen stark angehoben wurden, eine Zulage, die den alten Abstand zwischen ihnen und den Volkssehullehrern wieder deutlich macht und sie als Beamte des Höheren Dienstes den Richtern und Staatsanwälten gleichstellt. Diese Argumentation lädt die Öffentlichkeit geradezu ein, ihre Forderungen als vorsorgliche Maßnahme gegen den präsumtiyen Gesamtschullehrer zu werten und damit als reine Standespölitik.
Daß es den Studienräten um mehr Gerechtigkeit geht, um mehr Geld, weil sie eine längere und teurere Ausbildung als jeder andere Lehrertyp hatten, um ein angemessenes Gehalt auch deswegen, weil der Nachwuchs sonst auf den Gedanken kommen könnte, gleich Real- oder Hauptschullehrer zu werden, weil er damit bei geringerem Aufwand schneller das gleiche Geld bekommen würde wie ein Studienrat — das deutlich zu machen, ist den Philologen bisher nicht gelungen. Vielmehr scheinen sie in der Öffentlichkeit noch zu dem Eindruck beizutragen, daß sie um nichts anderes kämpfen als um den Titel eines „Bundesferienmeisters".
- Datum 08.05.1970 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 8.5.1970 Nr. 19
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



