Bischofstreffen in Breslau Warten auf den Papst
Der polnische Episkopat in den Oder-Neiße-Gebieten will kein Verwalter mehr sein / Von Hansjakob Stehle Breslait/Wroclaw, im Mai
In weiß roten Nationalfarben leuchtete die historische Zahl 25 über dem Altar auf dem Breslauer Domplatz. Zwei Kardinale und über sechzig Bischöfe bahnten sich einen Weg durch eine unübersehbare Menge von Gläubigen, die an diesem Abend des 3. Mai nicht nur mit Andacht das Vierteljahrhunderts Jubiläum polnischer Kirchenverwaltung in den Oder Neiße Gebieten begehen wollten, sondern vor allem dazu ein klärendes Wort aus Rom erhofften. Unweit des Doms, zu Füßen einer mit Blumen geschmückten Statue Papst Johannes XXIII, des ersten Papstes, der Breslau Wroclaw genannt hatte, brannten Kerzen. Würde sein Nachfolger auf dem päpstlichen Stuhl jetzt die kirchenrechtliche Entscheidung und die Grenzen der Diözesen der politischen Wirklichkeit anpassen? Würde er die polnischen Titulär Bischöfe, die vom Ermland bis Schlesien längst normale Funktionen als Ordinarien ausüben, nun auch formal zu ResidentialBischöfen ernennen?
Schon am Morgen dieses Tages, als der polnische Episkopat zusammen mit über viertausend Theologiestudenten aus ganz Polen in Tschenstochau Maria als „Königin Polens" gefeiert hatten, war der Papst die Antwort schuldig geblieben. Sein Segenstelegramm, das Kardinal Wyszynski verlas, berührte das Thema nicht, und auf den Gesichtern sah man die Enttäuschung. Als nun auf dem nächtlichen Breslauer Domplatz der Kardinal Primas wiederum vor das Mikrophon trat, klang seine Stimme noch müder und zögernder. Zwar beschwor er wie stets die Bilder seiner eigentümlichen Geschichtstheologie, in der sich Nationales und Religiöses auf fast ekstatische Weise verschmelzen. Wyszynski rief auch nicht nur die ferne Historie zum Zeugen an, sondern erinnerte an die Ungeheuerlichkeiten des Hitler Krieges, an die Hekatomben von Opfern, deren Sterben „hun dertfältige Frucht getragen hat" .
Nur stockend und mit leiser Stimme aber streifte er dann jene Frage, auf die man vor allem eine Antwort erwartet hatte „Wir rufen den Papst an, die kirchliche Organisation in unseren Westgebieten voll zu verwirklichen . Wir haben ihm ein Memorandum überreicht. Voll Vertrauen warten wir "
Noch am Nachmittag hatten, wie man hörte, manche bischöfliche Amtsbrüder den Primas dazu zu bewegen versucht, deutlicher zu weiden, wenn schon Rom sich in Schweigen hülle. Ende April war einer der engsten Vertrauten des Papstes, Monsignore Pignedoli, in Warschau gewesen; nach Gesprächen mit Wyszynski und mit dem Leiter des staatlichen Kirchenamtes war er nach Moskau weitergereist, ohne die Einladung zum polnischen Kirchenjubiläum in den OderNeiße Gebieten anzunehmen. Dabei ist dem polnischen Episkopat nicht verborgen geblieben, daß heute sogar die Bonner Bundesregierung keine Einwände erheben würde, wenn der Vatikan den Polen entgegenkäme. Oder ist etwa nun der Widerstand deutscher Kirchenkreise wirksam?
Bei den Breslauer Feiern schien es fast, als vertrauten heute — fast fünf Jahre nach ihrer vergeblichen Versöhnungsbotschaft — die polnischen Bischöfe eher den Politikern beider Nationen. Erzbischof Cominek rief zum Gebet für „jene, die gegenwärtig in schwierigen Gesprächen den Frieden vorbereiten". Der Breslauer Oberhirte war es auch, der dann bei der Festsitzung des polnischen Episkopats in der Kathedrale am Montag erklärte, es sei anders als vor fünf Jahren heute nicht mehr nötig, die polnische Realität in den Oder Neiße Gebieten ausführlich zu begründen: „Im Westen weiß man heute, daß sie ein fester Bestandteil Polens sind Mit einer ermunternden Verbeugung gegenüber der Regierung sagte Cominek, die gemeinsame Aufgabe in den Oder Neiße Gebieten habe die Kirche auch mit dem Staat „mehr geeint als getrennt". Wenn erst einmal der „letzte Schein der Vorläufigkeit" beseitigt sei, dann werde das gewiß auch zu einer „offenen Haltung" der Staatsbehörden beitragen .
Derlei Andeutungen zielten auf einen Punkt, den der einst so streitbare, seit seiner jüngsten Krankheit freilich sehr gealterte KardinalPrimas so wenig antasten wollte wie das Verhalten des Vatikans: die ungeklärte Frage des kirchlichen Eigentums in den Oder NeißeGebieten. Noch im September 1969 hatte Wyszynski in einem Brief an den Ministerpräsidenten Cyrankiewicz daran erinnert, daß es im nationalen Interesse wäre, wenn endlich die polnische Kirche jenseits von Oder und Neiße die Rechtsnachfolge der Deutschen antreten könnte. Die Warschauer Regierung andererseits will dies nicht zugestehen, solange der Vatikan endgültige Regelungen verweigert. Manche polnischen Bischöfe hatten erwogen, ob nun, da Bonn und Warschau im Gespräch sind, vielleicht ein neuer Appell an den deutschen Episkopat die unglückliche Verkettung der Probleme lösen könnte.
Kardinal Wyszynski aber, dessen Ruhebedürfnis jetzt stärker zu sein scheint als seine kirchenfürstliche Ambition, winkte ab; er sorgte dafür, daß der Text einer Botschaft, den die Bischöfe am Montag feierlich unterzeichneten nicht viel mehr als eine historisch religiöse Schönschriftübung ohne aktuellen Inhalt wurde. Ganz unerwartet aber wurde dieses auf piano und Moll gestimmte Konzept der Breslauer Jubiläumsfeier im letzten Augenblick von einem Bischof durchkreuzt, dem niemand etwas „Rebellisches" zugetraut hätte.
- Datum 08.05.1970 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 8.5.1970 Nr. 19
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