Wer wird Olympia-Stadt 1976: Moskau, Los Angeles, Montreal?
In der nächsten Woche fällt die Entscheidung / Von Ulrich Kaiser
Die Delegierten im Sitzungssaal im 22. Stockwerk des Münchener Arabella Hauses schreckten sichtlich auf, als ihr Präsident aufsprang und in zurechtweisendem Ton dem Referenten die Meinung sagte: „Was Sie hier erklären, kann uns nicht genügen. Die technischen Informationen sind völlig unzureichend!" Der solcherart Gescholtene schwieg, was die Situation eher noch peinlicher werden ließ. Sein Name: Konstantin Andrianow, Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), oberster sowjetischer Sportführer.
Andrianow hatte anläßlich der Generalversammlung der internationalen Sportfachverbände (AGFI) zum ersten Male Öffentlich die Bewerbung Moskaus um die Ausrichtung der XXI. Olympischen Sommerspiele 1976 vorgetragen. Sein Widerpart war der Schweizer Thomas Keller (47), seit zwölf Jahren Präsident des Internationalen Ruderverbandes, an dieser Stelle auch AGFI Vorsitzender.
Der frühere Meisterskuller Keller (1948 in London gewann er die olympische Bronzemedaille) mochte zwar recht haben, was die fehlende technische Information anbetraf; da sich in München aber auch die anderen Bewerber für 1976 präsentierten (Sommerspiele: Florenz, Montreal, Los Angeles; Winterspiele: Tampere, Sitten, Vancouver, Denver) und dabei kaum mehr Details verrieten, erhielt sein temperamentvoller Angriff an dieser Stelle den Charakter einer Demonstration.
Ob solche Demonstration allerdings praktischen Wert besitzt, läßt sich zunächst bezweifeln: Die Entscheidung über die Vergabe der Sommerund Winterspiele 1976 fällt während der IOCSession zwischen dem 12 und 14. Mai in Amsterdam. Keller indessen glaubt an den Einfluß seiner Fachverbände: „1966 hatten wir die IOCMitglieder wissen lassen, daß wir 1972 gern nach München gehen würden!" Die These, daß der ohnehin knappe Ausgang der Wahl zugunsten Münchens damals in Rom auch ohne die Fürsprache der Sportverbände zustandegekommen wäre, kann aber nicht widerlegt werden.
Die Olympia Bewerbungen für 1976 haben sich in den vergangenen Monaten zu einem Roulett entwickelt, dessen Ausgang vorerst nur spekulativ betrachtet werden kann. Der Versuch, dieses Glücksspiel hinter den Kulissen zu manipulieren, hat inzwischen oft fast groteske Formen angenommen. Das reicht von handfester finanzieller Verlockung bis zu fast kindlicher Naivität, wobei man wohl auch finanzielles Entgegenkommen in fast impertinenter Form als unreales Argument bezeichnen muß: Die Allergie gegenüber silbernen Lockvögeln ist im Kreise der unabhängigen IOC Mitglieder eine meist zu lobende Eigenschaft. Diese Tatsache wiederum wird dann auch von jenen Kandidaten hochgespielt, deren finanzieller Born kein unentwegtes Sprudeln verspricht. Den kleinen Seitenhieb konnte sich auch Konstantin Andrianow nicht verkneifen: „Wir wollen keine Geschäfte mit den Olympischen Spielen machen!"
Ohne Zweifel hat die Ende vergangenen Jähres publik gewordene Verlautbarung, daß Moskau als Bewerber auftritt, für einiges Leben in den "olympisch interessierten Kreisen gesorgt. Dabei ist zum ersten Male auch mit handfesten politischen Argumenten gearbeitet worden, die man geschickt mit emotioneilen Gedankengängen umgab: „Unser Land hat sich bereits seit 1914 am Internationalen Olympischen Komitee beteiligt", sagte Andrianow — das einzige Mal übrigens, wo er nicht vom „Staat" sprach, wie es historisch ja auch richtig ist.
Er führte aus: Die Spiele seien kein Privileg für westliche Länder. Am Ufer der Moskwa gebe es hundertundvierzig verschiedene Sportanlagen. Der Oberste Sowjet der Stadt und der UdSSR habe jede Unterstützung zugesagt. Man werde 89 Gebäude zum Preis von fünfzig Millionen Rubel für das olympische Dorf bauen. Die ganzen Spiele würden nur 150 Millionen Rubel kosten. Die 6 5 Millionen Einwohner würden der Jugend der Welt ein freundliches Willkommen zurufen.
- Datum 08.05.1970 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 8.5.1970 Nr. 19
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