Zettels Kasten
So viel läßt sich immerhin sagen: Es hat ein solches Buch noch nicht gegeben. 34 Zentimeter breit, 44 hoch, 8 dick, wiegt es etwa 9 1 Kilo und enthält 1352 DIN A 3 Seiten braungetönten Spezialpapiers. Auf den 1352 Seiten steht eine Textmasse von rund 7000 normalen Druckseiten: ein Faksimile des OriginalTyposkripts mit seinen handschriftlichen Eintragungen, Skizzen und Korrekturen, im Offsetdruck hergestellt. Die Vorarbeiten zu dem Text nahmen zehn Jahre in Anspruch, die Niederschrift deren vier. Die Lektüre würde neunzig Acht Stunden Arbeitstage währen, legte man ein Lektüretempo von zehn Normalseiten pro Stunde zugrunde — ein hohes Tempo angesichts der vertrackten Syntax und der Un Orthographie des Textes, der unentwegt und vor allem zum sexuellen Nebensinn hin kalauert („ ist es erforderlich, unter den Worten der gewohnten Bewußtseinssprache die meist nach phonetischen Nachbarschaften gelagerten Wortkeime c,Etyrns genannt, aufzufinden; sie bilden die Brücke zu dem vom Unbewußten eigentlich Gemeinten. Die Häufung von Worten aus suspekter, das heißt sexuell beeinflußter EtymNachbarschaft wird zum Leitfaden, der zum gleichen Ziel führt wie die Entschlüsselung einer als projizierte Körperlichkeiten zu deutenden Bildwelt"). Will man dabei auch nur etwas von dem Text verstehen, so hat man sich bestens auszukennen mindestens im Werk und Leben von Edgar Allan Poe: ein paar Wochen Lesen mehr. Solch ein Buch kann man vorerst nur anzeigen: Sehen Sie, das gibt es, und für 295 Mark können Sie es sogar kaufen. Der Rezensierbarkeit entzieht es sich, vorläufig zumindest: Wer dennoch in den nächsten Monaten vorgibt, es zu rezensieren, kann, die Berechnung der Lektürezeit zeigt es, nur ein Hochstapler sein.
Der Text ist von Arno Schmidt. Das Ganze heißt „Zettels Traum", eine Anspielung auf den Sommernachtstraum", und ein Zettelkasten von 130 000 Kärtchen wurde in das Monsterwerk verarbeitet.
Zettels Traum" (der Titel enthält jenes Apostroph, das in dem Titel des Romans fehlt, auf den Schmidt es abgesehen hat: Joyces „Finnegans Wake") ist eine Art Essay Roman über Poe, in drei Kolumnen: in der breiten Mittelspalte der „Hauptzug der Handlung", links speziellere Exkurse zu Poe, rechts solche „ins Zeitlos Entlegene". Der „Hauptzug der Handlung" besteht darin, daß ein Privatgelehrter namens Daniel Pagenstecher (der Mann der Seitenhiebe und so fort), als Einsiedler in der Lüneburger Heide ansässig wie Arno Schmidt, von einem Ehepaar nebst sechzehnjähriger Tochter aufgesucht wird, das an einer Poe Übersetzung arbeitet wie Arno Schmidt und dazu die Auskünfte des wie Arno Schmidt „allbeschlagenen" (Begleitprospekt) Priyatgelehrten einholen will. Sie werden ihnen zuteil.
Anders ausgedrückt: der zwischen Heidekraut und Zettelkästen beheimatete Schriftsteller Arno Schmidt hat zehn Jahre lang so gut wie allen Verkehr mit der Außenwelt abgewehrt, um in Ruhe und wahnwitziger Mühe eine Roman f Situation auszuspinnen, in der er doch Besuch bekommt; und in der der Besuch ihm jene Fra gen stellt, die er sich selber stellt und die ihm wahrscheinlich kein wirklicher Besucher je gestellt hätte. So daß die imaginäre Romansituation Schmidt Gelegenheit gibt, alle seine Ideen zu Poe auszubreiten, die in Wirklichkeit vielleicht niemand hätte anhören wollen.
Und die jetzt jemand hören will? Der Stahlberg Verlag hat zweitausend Exemplare von i„Zettels Traum" drucken lassen. Schmidt selber hat dem Spiegel vorgerechnet, daß er nicht mehr als 390 richtige Leser haben könnte: „ die dritte Wurzel aus P , wobei P für Population oder Bevölkerung steht Soviel „Kulturträger in einer Nation" nämlich gebe es höchstens, und etwas Großes wie Zettels Traum" verstünden nur Kulturträger, Wer „Zettels Traum" liest, hat davon also mindestens, daß ihn der Autor zu der Handvoll Kulturträger zählt. Und im übrigen?
Das wird sich herausstellen „Groß", ist das Buch auf jeden Fall. Es könnte schon sein, daß in „Zettels Traum" das literarische Meisterwerk des Jahrhunderts steckt; es könnte sein, daß es sich um eine Art Streichholz Eiffelturm in Originalgröße handelt, von einem HobbyBerserker um den Preis seines Lebens erstellt. Vielleicht ist es auch beides. Dieter E. Zimmer
- Datum 08.05.1970 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 8.5.1970 Nr. 19
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