Fernsehen Zwei Drittel eines Films
ZDF, Montag, 27. April: „Lucio"
Das war ein Paukenschlag, die Puppen tanzten, und der große Eisenstein kehrte mit einem gewaltigen Satz auf die Bühne zurück: Kuba 1895, das Land steht gegen die Spanier auf, ein Mädchen der vornehmen Kreise ermordet ikren Geliebten. Das Treiben der Society, Fächerwedeln in den vorderen Reihen der Kirche, dis Gekicher der Schöne hinter geschlossenen Lädn wird konfrontiert mit der Ekstatik der Straße, die Melancholie des Interieurs mit dem bunten Drama des offenen Lands, den wilden Tänzen und mythischen Exerzitien — auch Kuba hat seine Kassandren —, den grellen Kampfszenerien und sadistischen Jagden, Vergewaltigungen unter Galgen, an denen Erdrossele hängen. Dem Schrei folgt das Schweigen, dem Wirbel di Statik sKamerablick aus der Höhe die hautnah abtastende Großaufnahme. Verharren in der Mittellage iit verpönt, es gibt keine Versöhnung, kein menschliches Idyll inmitten einer vom Wolfsgesetz bestimmten Gesellschaft.
Ein Fazit wird nicht gezogen, die Dialektik verdeutlicht nur Phasen eines Prozesses — das freilich in jeder Sekunde (Wenn die Heidia Weise in Szene gesetzt, daß der Betrachter am Bildschirm zwangsläufig interpretiert: Ich bin Neunzig Minuten lang war zu erkennen, was revolutionärer Elan bewirken kann, wenn er darauf verzichtet, die Produktivkraft Phantasie unter die Kuratel von Widerspiegelungstheorien zi stellen; eineinhalb Stunden lang wurde die Ver dem Namen sozialistisch verdient, ein Absehen vom verkrusteten Bild an der Oberfläche, ein Sinnlichmachen der Latenz, eine optische Vergegenwärtigung der Ungleichzeitigkeit einer Epoche: mythische Versponnenheit und soziale Emanzipation, falsches Bewußtsein und Vortraum künftiger Freiheit.
Der Schluß freilich war jammervoll, die Pointe erbärmlich: Während die erste Lucia, als Person schon mit ihrer Klasse zerfallen, den untreuen Liebhaber tötet, während die zweite — noch emanzipierter: über ein Bewußtsein verfügend, das das Sein tatsächlich bewußt macht — sich auf die Seite der Revolution stellt und den getreuen Geliebten beweint, bleibt der dritten, der postrevolutionären Lucia nichts mehr zu tun übrig, als, ihrem, jungen Ehemann ein erotisch gepfeffertes Kolleg über die Dialektik von häuslichem Glück und gesellschaftlicher Verpflichtung zu halten. Was mit Fanfaren und Pauken begann, endet auf der Bühne des Bauerntheaters: In Schliersee gibt man den gezähmten Ehemann. Wie der Hegeische Weltgeist im preußischen Staat kam Regisseur Humberto Solas Dialektik in Castros Havanna ans Ziel. Der Tanz wurde lahm, die Wiederholung der Muster (das Wechselspiel zwischen Mensch und Natur, die Aktivität der Kulissen) wirkte plötzlich artifiziell, wieder einmal zeigte es sich, daß nichts so schwierig ist wie die Beschreibung des Ziels: als einer Etappe. Mit Kraft durch Freude Pathos kommt man da nicht aus; 50 einfach lassen sich plebejische Träume auf dem Bildchirm dennoch nicht realisieren: Befreiter müßtet ihr aussehen, Kubaner .
- Datum 08.05.1970 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 8.5.1970 Nr. 19
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