Von Sepp Binder

Herrenalb, im Mai

An weiß gedeckten Kurhaustischen stritten die übermüdeten Delegierten mit Lenin-Zitaten und Dahrendorf-Deklarationen, die Suche nach einer gemeinsamen Basis von liberalem Denken und sozialistischem Handeln erstickte im Wust schillernder Begriffe: Die Bundeskonferenz der Deutschen Jungdemokraten (DJD) drohte, zum theoretischen Disput auszuarten.

Da meldete sich artig ein DKP-Genosse zu Wort. Ehe die überraschten Jungliberalen ihren Gast von der linken Front so richtig bestaunt hatten, rückte der die historischen Perspektiven wieder zurecht: „Wir Sozialisten unterscheiden uns von euch Liberalen in der Definition des Freiheitsbegriffes.“ Den sozialistischen Kollektivinteressen stünde die Summe individueller Einzelinteressen gegenüber: „Wir gehen von anderen gesellschaftspolitischen Analysen aus.“ Vereinzelt gab es sogar Beifall, als der Redner dem Liberalismus eine Chance zusprach und die Solidarität für gemeinsame politische Aktionen beschwor.

Die Bundeskonferenz hatte ihren Höhepunkt. Ängstliche sahen die Jungdemokraten bereits Arm in Arm mit den Kommunisten marschieren, Besonnene dagegen beurteilten den DKP-Auftritt nur als ein Symptom für liberale Haltung: „Bei uns kann jeder seine Meinung sagen.“ Nur der Bremer DJD-Delegierte Cornelius Cordes war in allen sozialistischen Sätteln gerecht: „Wir müssen die Diktatur des Proletariats haben, um uns gegen die Konterrevolution zu wehren. Wir müssen von einem freundlich fördernden Liberalismus zu einer sozialistischen Haltung kommen.“

Klassenkampf – oder was sonst?“ – dies wurde zum Leitmotiv der Konferenz. Umstritten dabei war zuerst die „Strategie der zwei Wege“: Einflußnahme auf die FDP durch Parteiarbeit und zugleich Basisarbeit mit Lehrlingen, Studenten, Arbeitern und Gewerkschaftern schien den linken DJD-Genossen unvereinbar. Der Weg in die FDP galt ihnen als Alibi für Parteikarrieristen, Mauschier und Postenjäger. Sie entschieden sich für die Einbahnstraße zur „Basis“, für eine „systemüberwindende Politik“ und eine „Verstärkung des Klassenbewußtseins der Lohnabhängigen“.

Am stärksten betroffen von diesem Strategiestreit waren die hessischen Delegierten. In ihrem Landesverband hat sich ein Arbeitskreis Kritischer Jungdemokraten (AKJ) konstituiert, der mit der FDP nichts mehr zu tun haben will, es sei denn, man könnte „aus der FDP eine Arbeiterpartei“ zurechtzimmern. Doch die Euphorie wich alsbald der Resignation: „Kann man mit einem Haufen von Schlafmützen, Parteitrotteln, zu Jahreshauptversammlungen herangekarrten Karteileichen, Groß- und Kleinkapitalisten und einer Handvoll rühriger bürgerlicher Bildungspolitiker offensive Aktionen in Schulen, Universitäten und Betrieben machen?“ Die Aktionsmacher erwarteten keine Antwort. Für sie ist die „zukünftige Nichtexistenz der FDP“ so sicher wie die Revolution.

Die gemeinsame Erkenntnis der DJD-Abtrünnigen, daß die bessere Welt von morgen nur an der Basis beginnen kann, ergibt noch kein einheitliches Konzept des Kampfes. Die einen wollen eine eigene Partei, gründen, andere dagegen tendieren zu den Jungsozialisten oder möchten in ihrer Basisarbeit völlig unabhängig von Organisationen sein.

Noch freilich können die Freien Demokraten auf die Mehrheit der Jungdemokraten hoffen. Zwar stehen sie Marx näher als Mende, doch gegenüber der Partei üben sie eine „Haltung liberaler Koexistenz“. Sie sind das Juckpulver im FDP-Kragen und nennen sich gern die „Punkte hinter dem F, dem D und dem P“.

Den Niedergang so mancher linker Gruppen vor Augen, warnte der nordrhein-westfälische DJD-Vorsitzende Günter. Verheugen, Genscher-Gehilfe und künftiger Landtagsabgeordneter, vor der Forderung: „Laßt hunderttausend Subkulturen blühen!“ Statt dessen riet er zur pragmatischen Arbeit mit der rund 90 000 Mitglieder starken FDP, in der die 22 000 Jungdemokraten durchaus Chancen hätten, ihre politischen Forderungen durchzusetzen. Helga Schuchardt, Hamburger Flugzeugbauingenieurin und frisch gebackene Bürgerschaftsabgeordnete, stimmte zu. Sie hatte der hanseatischen FDP mit progressivem Mut in Wahlversammlungen und mit hübschen Beinen auf großflächigen Parteiplakaten nicht nur die Stimmen von Jungwählern eingebracht.

Ihr Beispiel spornte an. Mit Schwung, Fleiß und dem Wahlspruch „Es führt kein Weg zurück in Mendes Zeiten“ begannen die DJD-Repräsentanten sodann an ihren Anträgen zu feilen. So wollen sie – unter anderem – die Lehrlinge für ihre politische Arbeit gewinnen. Doch sie klagten zugleich darüber, daß ihnen durch Herkunft und Schulbildung der Zugang zu dieser Basis häufig verwehrt ist: „Wer von uns hat denn schon eine Lehre an einer Drehbank hinter sich? Wer von uns ist überhaupt in einer Gewerkschaft?“ Als sie ihren neuen Bundesvorsitzenden, Heiner Bremer, fragten, ob er Gewerkschaftsmitglied sei, antwortete er: „Ich war mal in der IG Metall.“ Da hellten sich die Gesichter der Jungdemokraten auf: Immerhin einer ...

In letzter Minute hatten noch 31 Delegierte einen Dringlichkeitsantrag zum „Emanzipations-Sonntag“ gestellt: „Statt den ’Müttern Blumen und Schokoladenherzen zum Muttertag zu schenken“, solle man sich lieber um eine Revision des Familienrechts, eine gerechte Entlohnung der Frauenarbeit und um Urlaub für Mütter im Krankheitsfall der Kinder kümmern. Gemüt zeigten die jungen Linksliberalen auch in ihrem Antrag Nummer eins, einem Manifest zur Verbandsanalyse. Darin hatten sie formuliert: „Lassen wir die Herrschenden weiter ihrem Ernst des Lebens frönen. Lachen wir darüber... Gestalten wir unser Leben selbst – und zwar heiter.“

Nach dem schleppenden Beginn arbeitete die liberale Avantgarde in der Schwarzwald-Abgeschiedenheit Herrenalbs zuletzt so zügig, daß sie ihre Bundeskonferenz am Sonntagmorgen fünf Uhr vorzeitig beenden konnte. Ihre Strategie der zwei Wege – der lange Marsch durch die FDP und zur „Basis“ – ist für ein weiteres Jahr gesichert. Es fragt sich nur, wo sie eher ans Ziel kommen.