Der Venezianer Luigi Nono, Jahrgang 1924, ist seit einigen Jahren bei Rundfunkanstalten und Avantgarde-Musikfesten persona non grata. Es hat sich herumgesprochen, daß Nono für Sozialismus und Weltrevolution eintritt. Mit seiner Komposition „La fabbrica illuminata“ agitierte er Arbeiter der Italsider-Werke in Genua. Das 1966 entstandene Stück „A floresta e jovem e cheja de vida“ („Der Wald ist jung und voller Leben“) verherrlicht Marx, Lumumba, Castro und die südamerikanischen Guerilleros. „Contrappunto dialettico alla mente 1968 entstanden, verarbeitet Dokumente der schwarzen Emanzipationsbewegung Amerikas. Mit diesen Werken und Nonos kritischen Ausfällen gegen den Kulturbetrieb schien der Toleranzspielraum öffentlicher und öffentlich-rechtlicher Musikträger überfordert. Nono wurde mehr und mehr boykottiert. Rationalisierende Erklärung der Maßnahmen: Nono habe nichts mehr zu sagen, er sei als Avantgardist ausgepunktet.

Um so anerkennenswerter, daß das Opernhaus einer ansonsten nicht gerade als Brutstätte für Linksopposition bekannten Stadt sich dazu entschlossen hat, Nonos 1961 in Venedig uraufgeführte, ein Jahr später in Köln nachgespielte Oper „Intolleranza“ zum ersten Mal seit acht Jahren wieder zu präsentieren. Yaak Karsunke, ehemaliger „Kürbiskern“-Redakteur, schrieb für die nun als „Intolleranza 70“ vorgestellte „Nürnberger Fassung“ Zusatztexte, die dem Libretto Angelo M. Ripellinos einige aktuelle Akzente hinzufügen. Sie greifen freilich in die Dramaturgie des Stückes kaum ernstlich ein, berühren auch Nonos unveränderte Musik nicht.

„Intolleranza“ ist ein typisch italienisches Sujet. Hauptperson ist der „Flüchtling“, der seine Heimat verläßt, um anderswo Arbeit zu suchen. In paradigmatischen Handlungsstationen erfährt er die Brutalität der latent oder offen faschistischen Gesellschaft: als Teilnehmer einer Demonstration wird er verhaftet und verhört. Im KZ solidarisiert er sich mit den Unterdrückten, unter ihnen ist auch ein Algerier (der algerische Befreiungskampf war für Nono Anstoß zur Komposition dieses Werkes). Nach der Flucht kehrt der Auswanderer in seine Heimat zurück, die unterwegs zu ihm gestoßene „Gefährtin“ begleitet ihn. Zu Hause erwartet ihn neues Elend: eine Hochwasserkatastrophe. Die Regierung hat sie vorausgesehen, aber nicht verhindert. Zusammen mit den obdachlosen Bauern will sich der Flüchtling künftig für eine Änderung der Verhältnisse einsetzen.

Die Motive des Fremdarbeiters, des ohnmächtig preisgegebenen, abhängigen Kleinbauern, des der Polizeiwillkür ausgesetzten politischen Oppositionellen, des Befreiungskämpfers und des Guerilleros werden zu einem antifaschistischen Bilderbogen von unterschiedlicher Überzeugungskraft zusammengefaßt. Nono rechnet mit dem Kapitalismus insgesamt ab. Und da fragt es sich, ob nicht gerade das die Schwäche des Stückes ausmacht. Differenzierte Aussagen scheinen, trotz Karsunkes präziser Texte, nicht möglich: Im Strudel der aufs Ganze zielenden Dramaturgie brechen auch die Dämme einer vernünftigen Argumentation. Hinzu kommt, daß sich das Instrumentarium eines die üblichen Theatermittel negierenden Gegentheaters in den letzten Jahren in ganz anderer Richtung entwickelt hat. Demgegenüber wirkt dieser Versuch Nonos, die Oper zum Vehikel politischer Aufklärung zu machen, anachronistisch und naiv. Arie bleibt eben doch Arie, auch wenn es statt „Ich liebe dich“ heißt, die Welt müsse verändert werden. Veränderung im musikalischen Material selbst findet denn auch kaum statt. Die in Silben aufgespaltenen Chorsätze könnten ebensogut esoterische Lyrik wie politische Parolen transportieren. So bleibt der Zwiespalt zwischen dem unverkennbaren Kunstcharakter und dem anklägerisch-antikapitalistischen Engagement unüberbrückbar. Daß die musikalischen Formen selbst: an der Manipulation teilhaben, daß sie, ohne von innen her gesprengt, ohne durch Distanzierung brüchig gemacht zu werden, der Intention nicht gerecht sein können, sieht Nono nicht. In seinem Vertrauen auf die Leistungsfähigkeit der überkommenen ästhetischen Muster weist sich der Komponist als Vertreter der „Alten Linken aus, die von der „Neuen Linken“ an kritischer Einsicht ins Material längst überholt worden ist.

Daran ändert auch nicht, daß Nono den expressiven Charakter der Vokal-Linien wie auch des oft schneidend grellen Orchesterparts ins Häßliche und Bizarre übersteigert und verformt: Gerade die Multiplizierung der Ausdrucks-Intensität, das zeigten auch Zimmermanns „Soldaten“, nutzt sich sehr schnell ab, weckt statt Sensibilität bloß Unempfindlichkeit. Bezeichnend, daß der ausgedehnteste Abschnitt des Werkes der ariosen Entfaltung des Flüchtlings und seiner Gefährtin gewidmet sind. Darin und in den gewiß exquisit angelegten Chören offenbar ren sich kulinarische Mechanismen, denen sich ein progressiver Autor nicht mehr ungestraft anvertrauen kann.

Wolfgang Webers Nürnberger Inszenierung verstärkte die Problematik des Nonoschen Entwurfs noch, statt sie zu mildern. Unbefangen wird mit multimedialen Schockeffekten geschaltet, mit kinetischen Spielereien, mit einem Vietnam-Film, der aufrütteln möchte, aber nichts anderes zeigen kann als jede Illustrierte oder das Fernsehen. Die Inszenierung biegt „Intolleranza“ vollends zum Passionsspiel um. Karsunkes Text teilt wohl sehr richtig mit, die KZs seien kein Inferno, keine Hölle gewesen, sondern Todesfabriken, an deren Funktionieren nicht anonyme Übermächte beteiligt waren, sondern reale gesellschaftliche Konstellationen. Eilig korrigieren Diapositive vom gekreuzigten Christus diesen Sachverhalt, modeln die antifaschistische Chronik in metaphysische Tragik um.

Musikalisch hatte die Aufführung unter Hans Giersters intensiver Direktion mit Cesare Curzi und Maria de Francesca in den Hauptrollen hohes Niveau. Die Tonbandchöre wurden von der Kölner Wiedergabe übernommen. Das Nürnberger Publikum nahm die Oper wohlwollender auf, als man vielleicht erwartet hatte, nur eine respektable Minderheit pfiff den Komponister aus. Da freilich wird schon wieder etwas anderes deutlich. „Intolleranza von einer bürgerlichen Zuhörerschaft toleriert, das bedeutet doch: auch der engagierteste Protest wird so lange ohne großen Widerspruch aufgenommen, wie er sich als „Kunst“ den bürgerlichen Usancen beugt Bei Demonstrationen auf der Straße ist das bekanntlich schon anders.

Hans-Klaus Jungheinrich