Von Karlheinz Scherler

Marfa/Texas war der Austragungsort der diesjährigen Segelflugweltmeisterschaften. Teilnehmer aus 30 Nationen flogen dort jetzt um Titelehren, Piloten aus Neuseeland und Norwegen, aus Island und Indien. Das noch sinnvolle Wettbewerbslimit von achtzig Teilnehmern war weit überschritten, und die leidige Frage nach Qualifikationsberechtigungen von „Entwicklungsländern“ stellte sich auch hier. Noch findet der Segelflug in Europa die weiteste Verbreitung, und europäische Piloten sind in der Überzahl. Doch die klimatischen und geographischen Verhältnisse in Übersee, gleich ob in Afrika, Australien oder Amerika, lassen den klimatisch gemäßigten und fast ausnahmslos kontrollierten Luftraum über dem alten Kontinent für Spitzenleistungen an Bedeutung verlieren. Weltmeisterschaften in Texas sind ein Ja zur absoluten Leistung. Ein hoher materieller Einsatz aber und für viele Piloten unbekannte Strapazen waren der Preis.

Die Weltmeisterschaften 1970 waren Meisterschaften deutscher Piloten und Flugzeuge. Drei Viertel aller Teilnehmer flogen deutsche Flugzeugkonstruktionen. Die Piloten W. Neubert und H. W. Grosse in der Offenen Klasse (unbeschränkte Auslegung der Flugzeugtypen) und H. Reichmann und G. Waibel in der Standard-Klasse konnten sich hervorragend placieren. Der 28 Jahre alte Esslinger Studienrat Helmut Reichmann würde mit fünf Tagessiegen bei neun Wertungsflügen unerwartet und überlegen Weltmeister in der Standard-Klasse. In der Offenen Klasse lieferte der Lübecker Hans-Werner Grosse dem einzigen Favoriten dieser Titelkämpfe, dem Amerikaner George Moffat, einen harten Kampf und belegte einen glänzenden zweiten Platz. Diese Erfolge der bundesdeutschen Piloten sind angesichts der scharfen Konkurrenz hoch einzuschätzen. In Anbetracht der ungewöhnlichen Bedingungen aber, unter denen in Texas geflogen wurde, sind sie hervorragend.

Die geographische Lage des Presidio County Airport von Marfa spricht für sich. Der ehemalige Militärflugplatz liegt im südwestlichen Texas, unweit des Rio Grande, der die Grenze zu Mexiko bildet. Der Boden ist verkarstet, vegetationsarm und nur spärlich besiedelt. Die mittlere Höhe dieses felsigen Plateaus mißt 1500 Meter über NN. Die Luftfeuchtigkeit ist gering, die Temperaturen steigen im Sommer meist über 40 Grad im Schatten, und fallen nachts bis auf 10 Grad zurück. Solche extremen klimatischen Bedingungen schaffen vertikale Luftströmungen (Thermik), die an Stärke und Höhenausdehnung beachtlich sind und große Segelflugleistungen ermöglichen.

Von der psychischen Anspannung, der ein Wettbewerbspilot bei sechs- und zehnstündigen Streckenflügen und oft nicht kürzerer Rückkehr mit demontiertem Flugzeug auf dem Landweg ausgesetzt ist, soll nicht gesprochen werden. Um so ausführlicher aber sollen physische Belastungen, die weithin unbekannte Seite des Leistungssegelfluges, erörtert werden. Sie sind der Tribut für die idealen, aber extremen texanischen Bedingungen.

Die intensiven Weltmeisterschafts-Vorbereitungen des Lübeckers Hans-Werner Grosse widerlegen die vorgefaßte Meinung von einem geruhsamen und beschaulichen Sport. Grosse legte in den Monaten April, Mai und Juni über 6000 Trainingskilometer zurück. Ein umfangreiches Fitness-Programm enthielt leichtathletisches Intervalltraining, Dauerläufe, Schwimmen und Körperschulung. Zwei herausragende Leistungen bestätigten den konsequenten, aber strapaziösen Trainingsaufwand des 47jährigen Lübecker Segelfliegers.

Am 24. Mai flog Grosse auf seiner ASW-12 in 9:38 Stunden das erste 700-Kilometer-Dreieck der Welt. Und am 4. Juni setzte er für den europäischen Segelflug neue Maßstäbe. In weniger als zehn Stunden erreichte Grosse, in Lübeck gestartet, das vorher angegebene Ziel in Angers an der Loire unweit der französischen Atlanticküste. Der offiziell noch nicht bestätigte Flug führte über eine Distanz von 1060 Kilometern. Der Zielflugweltrekord wurde damit um 222 Kilometer, der nationale Rekord, von Grosse selbst seit Juni 1967 gehalten, sogar um 349 Kilometer verbessert.