Traunstein

Auf den Prozeß freu i mi scho, sagte der Bauer Thomas Mayr im siegessicheren bajuwarischen Mir-san-mir-Tonfall, nachdem ihm das Gericht in der Kreishauptstadt Traunstein die Anklageschrift übermittelt hatte. Schließlich ist er ja wer, nämlich Bürgermeister der 886 Einwohner zählenden Gemeinde Emertsham im oberbayerischen Chiemgau. Und das seit 22 Jahren, mit den Stimmen der CSU, der Bayernpartei und der Wählergruppe „Einigkeit“. Thomas Mayr wurde stets mit mehr als 90 Prozent wiedergewählt. Ein Mann, der Vertrauen genießt. Über die prozessuale Gegenseite meinte Mayr: „Wer glaubt schon einem Fürsorgezögling.“

Der Bürgermeister, 63 Jahre alt, brauchte vergangene Woche nicht allein den Weg vors Schöffengericht anzutreten. Vielmehr mußte er die ganze Familie mitbringen, seine Frau, den 31 Jahre alten Sohn Karl und die 28jährige Tochter Anna. Die Anklage galt für alle vier: fortgesetzte Verletzung der Obhutspflicht, Körperverletzung und Freiheitsberaubung. Für alle Fälle ließ Mayr durch seinen Verteidiger dem Gericht eine schöne Ehrenurkunde vorlegen, die ihm 1961 vom bayerischen Arbeitsministerium überreicht worden war: für gute Hof- und Personalhaltung. „Wir sind eine angesehene Familie“, klärte er einen Reporter auf. Nur die böse Presse sprach von einem „Sklavenprozeß“.

Es war im Sommer 1968, kurz vor der Erntezeit. Da vermittelte das Glonner Pius-Heim im „Vollzug der freiwilligen Erziehungshilfe“ dem Landwirt und Bürgermeister von Emertsham den 17jährigen Zögling Detlev Kozian als landwirtschaftlichen Arbeiter. Detlev war ein milieugeschädigtes Straßenkind, seine Eltern hatten sich nie um ihn gekümmert. ‚Als er bei einem Autodiebstahl erwischt wurde, kam er ins Erziehungsheim, wo er vier Jahre lang die Schule besuchte, den festen Willen bekundete, sich zu bessern, und als Melker ausgebildet wurde. Die Erzieher fanden, daß der Bub gutartig, kontaktfreudig und arbeitsam ist und nur die unglückliche Veranlagung hat, von Zeit zu Zeit ausreißen zu müssen. Beim Landwirt Mayr sollte er die Geborgenheit einer Familie kennenlernen.

Während der Erntezeit ging alles gut, da schätzte man die Arbeitskraft aus dem Erziehungsheim. Als aber Zögling Detlev einmal die große Welt in der nahen Stadt Rosenheim erleben wollte, sich dabei eines geklauten Mopeds bediente und ein andermal sich gar auf das Fahrrad der Landwirtstochter schwang, da besann sich die Bürgermeisterfamilie ihres Erziehungsauftrags, den sie sodann mit Methoden ausführte, wie sie aus dem Mittelalter überliefert sind.

„Die ganze Familie schlug mich in der Küche zusammen. Der alte Bauer benutzte dazu seinen hölzernen Krückstock, den er sonst als Gehhilfe verwendet. Die Frauen hielten mich an den Haaren fest, während Karl (der junge Bauer) sich ein Stück Gartenschlauch auf die richtige Prügellänge zurechtschnitt, und dann drosch er auf mich ein“, berichtete Zögling Detlev. Der Arzt stellte später auf dem Rücken des Jungen etwa 20 Striemen fest.

Doch die Schläge waren nur der Auftakt des bürgermeisterlichen Strafgerichts. Man prügelte den Zögling auf seine Kammer, wo ihn dann Jungbauer Karl mit einem Kälberstrick fesselte, ihm Hände und Füße rückwärts zusammenband und ein paar Stunden bis zum Abend so liegen ließ. Das nächste Folterwerkzeug kam ebenfalls aus dem Stall, es war eine Kuhkette. Mit ihr wurde Detlev regelrecht ans Bett gefesselt, damit er nicht etwa nachts entkommen konnte.