Das sadistische Spiel dauerte eine Woche lang, vier Nächte war Detlev Kozian wie ein Hofhund an den Bettpfosten gekettet. „Ich konnte mich nicht rühren und kaum noch schlafen. Am Tage mußte ich schwer arbeiten. Zu essen bekam ich nur eine dünne Suppe. Ich sehnte mich nach dem Erziehungsheim.“ Aber dorthin durfte der Zögling zunächst noch nicht zurückkehren. Zwar gelang es ihm wieder auszureißen, aber nur, um die Polizei zu verständigen. Die Beamten holten den amtlichen Bewährungshelfer, der wiederum seinen Schützling zum Mayr-Hof brachte und sich jetzt vor Gericht erinnerte, daß der Junge damals bei der Rückfahrt „vor Angst am ganzen Leib gezittert“ habe. Erst zwei Wochen später, nachdem er die Striemen auf dem Rücken von Detlev Kozian begutachtet hatte, ging der Bewährungshelfer von sich aus zur Polizei.

Bürgermeister Mayr kaute verlegen am Knauf seines Krückstocks, als im Gerichtssaal ein Psychologe die Glaubwürdigkeit des Zeugen Detlev Kozian bestätigte und dieser sagte: „Ich will keine Rache an der Familie nehmen, ich will nur andere Fürsorgezöglinge vor solchen Erlebnissen bewahren.“ Die Ehrenurkunde für gute Personalhaltung taugte nichts. Die Angehörigen der Bürgermeisterfamilie erhielten allesamt Freiheitsstrafen zwischen drei und zwölf Monaten (die zur Bewährung ausgesetzt wurden) und Geldstrafen zwischen 750 und 4000 Mark. Eine der Frauen hatte den Zögling so nebenbei auch mit den bayerischen Kraftausdrücken „Schwein“ und „Mistvieh“ beschimpft. Der Gerichtsvorsitzende aber stellte fest, daß Detlev Kozian brutaler behandelt worden sei, als ein Stück Vieh.

Kilian Gassner