25 Jahre „Süddeutsche Zeitung"

Geteilt durch sechs

Ein Redaktionsstatut, diverse Chefs und Verleger Von Gerhard Tomkowitz München

Abends breitete sich Hochstimmung aus in den Redaktionsstuben der Süddeutschen Zeitung an Münchens Sendlinger Straße. Die stets gebremst taktierenden Redaktioas-Revoluzzer hatten, so meinten sie, einen Sieg errungen: statt eines Chefredakteurs — wie es die sonst ziemlich uneinigen Verleger ursprünglich wünschten — hatte das angesehene und liberale Blatt — dem Wunsch der Redakteure entsprechend — plötzlich deren sechs. "Während Verlagsboß Hans Dürrmeier (71) den sechs Auserwählten im ersten Stock ein Gläschen Sekt einschenken ließ, formulierte ein Redaktions-Witzbold im zweiten Stock den Kalauer: „Wir werden geführt von einem Kamel mit zwei Höckern, drei Beinen und einem Schwanz."

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Das Chefproblem — gerade rechtzeitig zum 25jährigen Jubiläum des weltweit angesehenen Blattes mindestens vorübergehend gelöst — war entstanden durch den Tod des letzten Chefredakteurs Hermann Proebst im Juli dieses Jahres. Mit dem hinterlassenen Werk des Toten macht die Süddeutsche (SZ) ihre 76seitige Jubiläumsnummer auf, die am 6. Oktober erscheint. Da verwebt Proebst, dem zu Lebzeiten selbst seine Gegner bescheinigten, daß man ihm stundenlang zuhören konnte, ohne gelangweilt zu sein, die Geschichte seines Blattes mit der Zeitgeschichte der letzten 25 Jahre. Nur ganz dilatorisch allerdings —. vielleicht zu seinem eigenen Mißvergnügen — behandelt er freilich die Vorgänge, die dazu führten, daß am Anfang dieser 25 Jahre ein paar Leute Lizenzen geschenkt bekamen und damit zu Millionären avancieren. Probst in seinem Jubiläumsartikel: „Es wäre sicherlich reizvoll, den Entdeckungsfahrten und Verabredungen nachzuspüren, die einer solchen Gründung vorausgehen mußten." Doch Proebst versagte es sich, als er wenige Wochen vor seinem Tode sein 30 Blatt dickes Tubiläumswerk schrieb.

Am 5. Oktober 1945 trafen sich Lizenzverteiler und Lizenzempfänger zu einer Handlung, die nicht ohne Symbolkraft war. Gemeinsam warfen sie den Originalsatz des ehemaligen deutschen Super-Bestsellers „Mein Kampf" in den Schmelzofen. Aus dem Blei von Hitlers Werk entstanden die ersten Druckplatten der Süddeutschen. Als Lokalredakteur wirkte der Journalist und Trabrennsportler Werner Friedmann, der sich später ebenfalls eine Lizenz von den Amerikanern einhandelte. Es waren schließlich vier Leute, die sich die Süddeutsche teilten. Die Produktionsstä^e durften sie nach Jahren dem Freistaat Bayern abkaufen. Als. fünfter und geschäftsführender Gesellschafter (10 Prozent) kam der Verlagsund Anzeigenkaufmann Hans Dürrmeier in das nunmehr „Süddeutscher Verlag" betitelte Unternehmen.

Bis 1946 erschien die Süddeutsche Zeitung nur zweimal in der Woche, bis 1949 dreimal in der Woche und schließlich werktäglich. In den ersten Jahren hing die Auflage von der Höhe der Päpierzuteilung ab. Das Blatt war eine Art Pfründe: was gedruckt werden konnte, fand auJi Käufer. Durch Papierentzug gemaßregelt wurde die SZ von den Besatzern im Juni 1946, weil sie ihr Entsetzen darüber geäußert hatte, daß Heimatvertriebene aus dem Sudetenland mißhandelt, hungernd und halb erfroren in plombierten Viehwagen in München ankamen. Zunächst im Keller, später in verstaubten und verwinkelten Redaktionsstuben über der Erde bekam die SZ ihr Gesicht, das sie unverwechselbar machte in der deutschen Zeitungslandschaft. Sie wurde zu einem „weltweit angesehenen Monument der Liberalität" (Der Spiegel).

Mit einer durchschnittlichen Verkaufsauf läge von über 256 000 hat die SZ ihre Konkurrenten FAZ und "Welt heute überrundet.

Die Redaktion zeichnete sich fast immer durch weitgehende Freiheit der Redakteure aus. Massive Eingriffe der Verlagsleitung in die Redaktionsführüng sind undenkbar, die Zurückziehung fertiger Artikel aus taktischen Gründen ebenfalls. Viele politische Strömungen — auch nebenund gegeneinander — haben in dieser Redaktion Platz. Solche Idealverhältnisse, Hauptgrund für das ständig steigende .Ansehen-"des Blattes, zogen viele wackere Journalisten an. Die Knauserigkeit, mit der über Gehälter un4 Honorare gewacht wurde, stieß viele indes wieder ab.

In den frühen fünfziger Jahren sahen sich die SZ-Verleger von Krisenangst gepackt. Da hatten sie keine Hemmungen, zwecks Einhaltung der Kündigungsfristen nächtens Boten zusammenzutrommeln und, nahezu 60 blaue Briefe an SZ- Redakteure und Mitarbeiter zu versenden. Am nächsten Morgen gab's Krawall. Der Rechtsexperte des Blattes, Dr. Ernst Müller-Meiningen, schon damals Vorsitzender des Bayerischen Journalistenverbandes, zog auf einer Betriebsversammlung vom Leder wider „Knauserigkeit und unsoziale Haltung" des Verlages. Ein Teil r"er Kündigungen wurde daraufhin rückgängig gemacht.

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  • Quelle DIE ZEIT, 02.10.1970 Nr. 40
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