Immer mehr Briten wollen in Deutschland arbeiten: Facharbeiter Ihrer Majestät
John Howard, aus dem nordenglischen Blyth hatte sich getäuscht: Arbeit und Leben in Deutschland, so beschwor er die Insel-Fernseher übers „Panorama“-Programm der BBC, seien nun wirklich nichts für die Briten. Dennoch stehen vor den deutschen Konsulaten auswanderungslustige Engländer, Schotten und Waliser Schlange.
Beinahe macht es den Anschein, als würden sie nach den Italienern, Türken und Spaniern die neuen Gastarbeiter der Bundesrepublik. Noch 1968 hatten lediglich 3000 Insulaner den Sprung über den „German Ocean“, die Nordsee, gewagt. In diesem Jahr ließ allein das Londoner Konsulat schon über 6000 Arbeitsbewilligungen ausstellen, 518 selbst im saisonal sonst ungünstigen Monat November.
So befürchtet denn auch die EWG-feindliche Massenzeitung „Daily Express“ eine wahre Völ-Massenzeitung für den Fall, daß London dem Gemeinsamen Markt beitreten und dann jedermann von der Freizügigkeit profitieren jedermann als 600 000 Arbeitslose (2,6 Prozent) warten schließlich meist in Wales, Schottland und Nordengland seit Monaten oder Jahren auf einen Job.
Gerade diese Leute aber – vor allem Ungelernte aus der Schwerindustrie oder Kumpel – ziehen selten weg. Seit er während der industriellen Revolution in die Fabriken gezwungen wurde, ist der englische Arbeiter etwa so konservativ und „schollegebunden“ wie der deutsche Kleinbauer.
Ein Sprecher des North East Development Council, das für die Beschäftigungslage im alten Industriegebiet um Newcastle und Sunderland (Arbeitslosenquote 9 Prozent!) verantwortlich ist und deshalb jeden neuen Arbeitsplatz begrüßt, muß abwinken: „Unsere Leute sind eben wie guter Wein – das Reisen bekommt ihnen nicht.“
Doch nicht die mit dem Niedergang der britischen Berg- und Schiffbauindustrie arbeitslos gewordenen Arbeiter reisen nach Deutschland, sondern im Gegenteil die hochqualifizierten Facharbeiter aus den Werften, der Elektronik, der Werkzeugmaschinenindustrie und des Flugzeugbaus. Diese Leute suchen in der Bundesrepublik nicht einfach einen Job, weil sie daheijn keinen finden, sondern sie wollen sich „nur“ finanziell bedeutend verbessern.
Nicht die Briten vom Schlage des Gewerkschaftsfunktionärs John Howard werden Gastarbeiter in Deutschland, sondern jene, die sich vom deutschen Arbeitstempo nicht abschrecken lassen. Und deshalb holen sich MAN, AEG oder die Kieler und Hamburger Werften ihre neuen Arbeitskräfte auch nicht durch Abwerber, wie sie früher etwa auf den italienischen Bahnhöfen wirkten, sondern gezielt durch Fernseh- und Zeitungswerbung sowie Mithilfe von Vermittlungs- und Beratungsfirmen.



