Von Hans-Otto Eglau

Rudolf Augstein wird seinen Spiegel so leicht nicht mehr los: Nachdem er die eine Hälfte seines Verlags zum 1. Januar 1973 seinen Beschäftigten übereignen will, versuchte er jetzt vergeblich, die andere Hälfte zum Objekt von Übernahmeverhandlungen mit dem Hamburger Pressekonzern Gruner + Jahr zu machen. Doch auf den dringenden Rat seiner Belegschaft gab Augstein am Dienstag das Ende aller Gespräche über eine Beteiligung von Gruner + Jahr am Spiegel bekannt.

Zu aussichtsreichen Kontakten zwischen beiden Unternehmen konnte es überhaupt nur kommen, weil auch auf Seiten von Gruner + Jahr (Objekte: Stern, Capital, Brigitte, Jasmin, Twen, Schöner wohnen, Gong) ein Gesellschafter Verkaufsabsichten hegt: Gerd Bucerius, der seit längerem für seinen 35prozentigen G + J-Anteil einen Interessenten sucht und dabei an einen Kaufpreis von etwa 130 Millionen Mark denkt. Augsteins und Bucerius’ Rückzugspläne inspirierten die Hamburger Presselords zu einem bereits recht konkreten „Denkmodell“ über eine Kapitalverflechtung zwischen beiden Firmen.

Die Umrisse dieses Modells erörterten für die Verlagsherren Anfang des Jahres drei ihrer Spitzenmanager. Durch Vermittlung von Rolf Poppe, vom Spiegel kommender Leiter des G + J-Zeitschriftenbereichs, trafen sich Augsteins Verlagsdirektor Becker und Ernst Naumann, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Gruner + Jahr, zu „intensiven Sondierungsgesprächen“ (Becker). Als denkbare Form für einen Kapitalaustausch zwischen Gruner + Jahr (Umsatz: rund 600 Millionen Mark) und dem Spiegel-Verlag (Umsatz: etwa 140. Millionen Mark) erörterten die Zeitschriftenmanager die Einbringung des fünfzigprozentigen Augstein-Anteils am Spiegel bei G + J gegen eine Beteiligung Augsteins an Deutschlands mächtigstem Illustriertenkonzern in Höhe von 25 Prozent aus dem Bucerius-Besitz. Die restlichen zehn Prozent sollten von Bucerius auf das Gütersloher Verlagshaus Bertelsmann übergehen, das dann ebenso wie der Verleger John Jahr sen. mit 35 Prozent bei G + J beteiligt wäre. Die restlichen fünf Prozent liegen derzeit bei Naumann.

Neben Gerd Bucerius hätte vor allem John Jahr eine solche Lösung wärmstens begrüßt. Jahr, ehemaliger Mitgesellschafter Augsteins im Spiegel-Verlag, würde mit dem Eintritt seines früherens Partners in den Kreis der G+J-Besitzer die Angst loswerden, eines Tages die expansiven Bertelsmann-Bosse zum Mehrheitsgesellschafter bei Gruner + Jahr aufsteigen zu sehen. Doch Jahrs Träume wurden am Dienstag zerstört.

Für diesen Tag nämlich hatte Rudolf Augstein seinen Betriebsrat, den mit der Ausarbeitung eines Redaktionsstatuts beauftragten Ausschuß sowie Chefredakteure und Ressortleiter zu einem „Konsultationsgespräch“ geladen. Schon vorher hatte er erklärt, seinen Spiegel-Anteil nicht bei Grüner + Jahr einzubringen, falls die überwiegende Mehrheit der Sprecher seiner Belegschaft gegen diesen Schritt sei. Das Votum der Mitarbeiter fiel aus, wie es Eingeweihte erwartet hatten: Sie erklärten den Gesellschafterwechsel Augstein gegen Gruner + Jahr „einhellig“ für „nicht wünschenswert“. Rudolf Augstein reagierte prompt: Bereits kurz nach der Sitzung ließ er über die Nachrichtenticker verbreiten: „Rudolf Augstein erklärt, daß nach diesem Ergebnis der Konsultation über eine derartige Vereinbarung nicht verhandelt werde.“

Gleichzeitig aber empfahlen die Spiegel- Beschäftigten ihrem Chef, mit Gruner + Jahr Gespräche über eine enge Kooperation „in technischen und administrativen Angelegenheiten“ zu führen. Gedacht wird an eine gemeinsam betriebene Marktforschung, an eine Zusammenarbeit in der Datenverarbeitung und im Vertrieb sowie die gemeinsame Planung neuer Projekte, beispielsweise auf dem Gebiet des Kassetten-Fernsehens.