Zwischen allen Stühlen

25 Jahre „Die Zeit“ – Was gilt heute noch der Liberalismus?

Von Marion Gräfin Dönhoff

In diesen Tagen ist es 25 Jahre her, seit die erste Nummer der ZEIT erschien. „Wie eine Mauer von Finsternis und Verzweiflung steht die Zukunft vor uns ...“, so hieß es in dem Geleitwort der ersten Nummer, die das Datum vom 21. Februar 1946 trägt, die also zu einer Zeit erschien, da in Hamburg – wie in vielen anderen Städten – Zehntausende noch in Trümmern und Ruinen hausten.

Mit leerem Magen, in einem ungeheizten Zimmer, von selbstgebastelten „Petroleumkerzen“ beleuchtet, so saßen wir damals alle zusammen und wußten nur dies: Wir wollten nach Jahren verlogener Propaganda mithelfen, wieder eine freie, liberale Presse in Deutschland aufzubauen.

Anzeige

Es dauerte nicht lang, da waren wir zwischen zwei Fronten. Daß wir uns bemühen wollten, die Nazi-Ära mit ihrem vaterländischen Brimborium zu liquidieren und daß dies manchen ärgern würde, das war klar. Aber daß wir uns sehr bald auch mit den Befreiern vom Nazismus im Konflikt befanden, das hatten wir nicht vorausgesehen – mit ihnen, die die alte Erkenntnis, daß Macht korrumpiert, von neuem bestätigten. Ihr Ziel, die Umerziehung der Deutschen, war zwar auch unser Ziel gewesen, aber die Mittel, mit denen sie dies gelegentlich zu erreichen versuchten, konnte niemand gutheißen, der gerade erst einen Unrechtstaat hinter sich gebracht hatte.

So lernten wir schon damals erkennen, was uns heute wieder zugute kommt: daß der legitime Platz des Liberalen zwischen allen Stühlen ist, daß es ihn also nicht kümmern darf, wenn er von allen Seiten beschimpft wird.

Und noch einen anderen Grundsatz liberaler Weltanschauung begriffen wir damals, und ihn haben wir seither nie wieder aus den Augen verloren: nämlich, daß es gar nicht so sehr auf das Ziel ankommt – hehre Ziele hat schließlich jeder –, sondern vor allem auf die Mittel, mit denen jene Ziele erreicht werden sollen, auf die Methoden, mit denen man sie durchzusetzen versucht.

Unser Mittel sollte Toleranz sein. Wir hatten genug von Sündenbocksuche und Hexenjagd. Wir glaubten wieder an die Wichtigkeit des einzelnen. Wir hatten die Ideale einer verschworenen Gemeinschaft satt, die jedes Verbrechen rechtfertigt. Unsere Methode hieß Diskussion – heute würde man sagen: Aufklärung und Transparenz. Darum waren wir auch gegen das Verbot der KPD und später nicht für ein Verbot der NPD. Argumente in der Auseinandersetzung und Reformen, die das Entstehen radikaler Gruppen überflüssig machen, das schien uns der weit vernünftigere Weg zu dem, was doch allein das Ziel sein kann (wenn schon über Ziele geredet werden muß), nämlich dem größtmöglichen Maß an Freiheit und Gerechtigkeit.

Service