Von Lothar Wiehert

Rationalist“, „Dialektiker“, „Relativist“, „Skeptiker“, „Moralist“, „Humanist“, „Idealist“ – Herr Kolakowski, mit den unterschiedlichsten begrifflichen Schablonen versucht man Sie zu fassen und Ihre philosophischen, politischen, literarischen und religionskritischen Schriften einzuordnen. Welche dieser Etiketts würden Sie am ehesten akzeptieren?

Bevor ich beginne: Bitte messen Sie nicht meine Einstellung der deutschen Kultur gegenüber mit dem Maßstab meiner Kenntnis, meiner Fähigkeit, mich deutsch auszudrücken. Und jetzt zu Ihrer Frage.

Ich glaube, wir sind mehr oder weniger gezwungen, solche Wörter zu gebrauchen, wenn wir über andere Leute sprechen, um sie zu nennen, zu klassifizieren oder zu brandmarken. Doch darf sich ein jeder erlauben, wenn er über sich selbst spricht, diese und ähnliche Schilder zu vermeiden. Ich fühle kein Bedürfnis, mich selber in diesen Kategorien zu bestimmen. Und zwar nicht, weil jede notwendig falsch wäre, sondern nur, weil alle zu vieldeutig sind.

„Die Idee des Sozialismus“, so haben Sie 1969 – nach Ihrer Ausreise in den Westen – formuliert, „gehört zu den besten Werten unserer Kultur – auch wenn sie oft kompromittiert worden ist.“ Wenn ich dazu ein paar politische Stichworte aus dem osteuropäischen Raum anfügen darf: der 17. Juni 1953 in der DDR, Ungarn 1956, Polen 1956, Tschechoslowakei 1968. Die Ereignisse vom Dezember 1970 und danach in Polen – gehören sie ebenfalls in diesen Zusammenhang?

Ich glaube, daß die Hauptidee des Sozialismus, nämlich daß die Leute die Resultate ihrer eigenen Tätigkeit mehr und mehr beherrschen können, worin – wie ich meine – die Werte der Freiheit und Gleichheit eingeschlossen sind, daß diese Idee gültig bleibt. Nicht, daß ich an die globale, sozusagen globale Revolution oder an die endgültige Beseitigung aller Entfremdung oder an die konfliktlose Gesellschaft glaube.

Es ist wahr, daß das Wort Sozialismus nirgends so kompromittiert worden ist wie in den Ländern, deren regierende Apparate sich diesen Namen angeeignet haben. Die Frage, in welchen Teilen der Welt die sozialistische Idee mehr Chancen hat, menschliche Hoffnungen zu organisieren, diese Frage bleibt offen. Und wenn sich im Westen die sozialistische Hoffnung in so vielen mystifizierten, auch barbarischen Formen offenbart, also zum Beispiel in der romantischen Nostalgie der präindustriellen Gesellschaft oder in dem bakunistischen Glauben an das revolutionäre Potential des Lumpenproletariats, das erinnert mich immer an die Hegelsche und Marxsche Idee, daß sich jeder Fortschritt durch seine schlechte Seite verwirklicht.