Heutzutage, da Stärke und Bedeutung eines Landes am Bruttosozialprodukt gemessen werden, an Kapitalintensität und Pro-Kopf-Einkommen, vergißt man leicht, daß die Macht des Wortes nicht weniger gewaltig sein kann.

Im östlichen Bereich, wo dem Wort in besonderer Weise eine existentielle Bedeutung zukommt, haben die Schriftsteller auf ihren Kongressen 1967 in Prag und 1968 in Warschau gezeigt, was der angeblich machtlose einzelne vermag. Sie waren es, die etwas in Bewegung brachten.

In Polen hat der Philosoph Leszek Kolakowski am 10. Jahrestag des Oktober-Umschwungs – an dessen Herbeiführung im Jahre 1956 er entscheidend beteiligt war – die Entwicklung der sozialistischen Demokratie vor Studenten scharf kritisiert und dann noch einmal auf dem Schriftstellerkongreß im Februar 1968 Gomulkas Kulturpolitik gegeißelt. 1966 wurde er aus der Partei ausgeschlossen, 1968 verlor er seine Warschauer Professur.

Kolakowski ging damals als Gastprofessor nach Kanada, stritt sich dann in Berkeley mit den aufständischen Studenten herum. Heute lebt der Dreiundvierzigjährige in Oxford. Im Frühjahr des vorigen Jahres sollte er nach Frankfurt auf den Lehrstuhl von Adorno berufen werden, aber die Studenten und Assistenten des Instituts protestierten, weil er „die Einheit der emanzipatorischen Vernunft“ aufgebe. Habermas nannte jene Briefschreiber „die Türhüter einer neuen Spielart von institutionellem Marxismus“.

Wir drucken auf Seite 3 ein Interview mit Kolakowski ab, in dem er zu vielen brisanten Fragen Stellung nimmt. Dff