München

Das Attentat wurde per Post verübt. Als Münchens Flughafendirektor, Wulf Diether Graf zu Castell, vor kurzem in seiner Villa in Grünwald den braunen Briefumschlag öffnete, den ihm der Briefträger gerade ins Haus gebracht hatte, gab es eine Explosion. Als sich der Rauch verzogen hatte, begutachtete der glücklicherweise unverletzt gebliebene Graf noch einmal genau den Umschlag, um festzustellen, wer ihm den Zeitzünder frei Haus geliefert hat. Castell las als Absender „Landratsamt Erding“ sowie die zusätzlichen Vermerke „Dienstsache“ und „Persönlich“.

Für die sogleich herbeigerufenen Beamten des Landeskriminalamtes schien, sich auf der Stelle eine erste Spur zu ergeben: Wer wollte daran zweifeln, daß der Anschlag mit den Protesten gegen den Bau des neuen Münchener Großflughafens im Erdinger Moos zusammenhänge, für den Graf Castell der verantwortliche Geschäftsführer ist? Die Kriminalisten jedoch behielten kühlen Kopf und zweifelten. Zwar konnten auch sie Flughafengegner als Täter nicht ausschließen. Aber wer wollte schon behaupten, die Einwohner der Erdinger Moosgemeinden, die sich bislang mit Protestmärschen und Resolutionen begnügt hatten, seien inzwischen so radikal geworden, daß sie auch vor Mord nicht zurückschrecken?

Die Diskussion um einen neuen Flughafen für München dauert nun schon siebzehn Jahre. 1954 bereits wurden Untersuchungen über die Ausbaumöglichkeiten von Riem, dem jetzigen Flughafen der bayerischen Landeshauptstadt, angestellt. Damals war nämlich schon klar, daß Riem bald am Rande seiner Kapazität sein werde. Ein tragisches Unglück heizte die Diskussion an: Am 17. Dezember 1960 stürzte eine Maschine in der Nähe der Paulskirche ab und schlug auf einen Straßenbahnwagen auf. Die Forderung nach einem neuen Flughafen – weiter von der Stadt entfernt als Riem – wurde verstärkt erhoben. 1963 endlich wurde die sogenannte Oechslekommission eingesetzt, genannt nach ihrem Leiter, dem ehemaligen bayerischen Arbeitsminister Richard Oechsle. Am 26. Oktober 1964 legte sie ihren Bericht vor. Sie hatte zwanzig mögliche Flughafenstandorte untersucht, sieben davon in die engere Wahl gezogen und schließlich drei als die relativ besten genannt: 1. Hörlkofener Wald, 2. Sulzemoos-Odelshausen und 3. Hofoldinger Forst. Wirtschaftsminister Otto Schedl entschied sich vorerst für den Hofoldinger Forst. Den Proteststurm, der sich erhob, hatte er offensichtlich nicht einkalkuliert.

Im August 1967 besahen sich auf Einladung der Flughafengesellschaft München-Riem Kommunalpolitiker den Hofoldinger Forst aus der Luft. Bei dieser Gelegenheit wurde – sozusagen als Zugabe – das von der Oechsle-Kommission genannte Gebiet im Erdinger Moos überflogen. Nach der Betrachtung dieses Landstriches aus der Vogelperspektive tat der Münchner CSU-Abgeordnete Zens einen denkwürdigen Ausspruch: „Wir haben, kaum einen Baum gesehen. Dieses weite freie Gelände ist doch viel geeigneter für einen Flughafen.“ Die Krautköpfe und die Pfefferminzstauden, die im Erdinger Moos angebaut werden, hatte Zens aus der Luft offensichtlich nicht ausmachen können.

Nun begann das große Hickhack um den Nebel. Dies war das Hauptproblem: Konnte man es verantworten, in einer Gegend, die zu den nebelreichsten in Bayern gehört, einen Großflughafen zu errichten? Die bayerische Staatsregierung glaubte dies zu können: Am 5. August 1969 beschloß sie auf Vorschlag von Wirtschaftsminister Schedl, den Großflughafen München II im Erdinger Moos zu errichten.

Wer geglaubt hatte, daß mit dieser Entscheidung die Diskussion beendet sei, sah sich getäuscht. Abgesehen von den wütenden Protesten der betroffenen Gemeinden, die bis zum Steuerstreik in Neufahrn reichten, kam es auch im Kabinett zu Zwistigkeiten. Anton Jaumann, der mittlerweile die Nachfolge Otto Schedls als Wirtschaftsminister angetreten hat, scheint ungern Hypotheken seines Vorgängers übernehmen zu wollen. Er kündigte eine Überprüfung der Entscheidung für den Standort Erdinger Moos an, wenn ein noch ausstehendes Wettergutachten für dieses Gebiet ungünstig ausfallen sollte.