Von Robert Tichy

Wer zum erstenmal in Prag ist, kann abends in die „Laterna Magika“ gehen und sich das Programm ansehen, das ehrlich „Revue aus der Kiste“ heißt. Im selben Haus – Ecke Národní třída und Jungmannstraße – kann man das vorzügliche „Theater hinter dem Tor“ besuchen.

Dieses Theater sollte eigentlich gerade in London spielen, als Gast der „Welt-Theater-Saison“. Für die fünf Vorstellungen von Tschechows „Drei Schwestern“ waren schon eine Menge Karten verkauft, da wurde das Gastspiel plötzlich abgesagt. Die Engländer sprechen, außerordentlich verärgert, von „offensichtlichem Vertragsbruch“. Gründe für die Absage wurden bislang nicht bekanntgegeben, aber es sind ganz sicher prinzipielle Gründe, derentwegen man sich sogar der Gefahr einer Vertragsstrafe in harter Währung aussetzt. Eine Woche vor dieser Entscheidung erst hatte der tschechische Kulturminister Miroslav Bružek den Gründer des Theaters, den Regisseur und Schauspieler Otomar Krejča, von seinem Posten als Direktor abberufen.

Die Gastspiele des „Theaters hinter dem Tor“ und Krejčas Aufmerksamkeit erweckende Inszenierungen im Ausland haben den Ruhm des tschechischen Theaters verbreitet. Er hatte sich vor und während der Amtszeit Dubčeks für den „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“ ausgesprochen. Er hatte aber auch mit derselben inneren Logik nach der Okkupation als erster den zwar verständlichen, aber unvernünftigen Boykott russischer Stücke durchbrochen und Tschechows „Drei Schwestern“ gegeben. Im April 1969 hatte er in Köln, wo er „Romeo und Julia“ inszenierte, in einem Interview mit dem „Kölner Stadtanzeiger“ dazu gesagt: „Mein Gott, was hat Tschechow mit Breschnjew zu tun?“ In der gleichen Zeit fiel auch sein Satz: „Ich hasse politisches Theater, es ist Unsinn.“ Gleichwohl verteidigt er den Sozialismus – und wurde entlassen.

Neuer Direktor ist Ladislav Boháč, Krejčas Kollege „hinter dem Tor“ und von beiden derjenige, der seine Parteimitgliedschaft bei den Säuberungen behalten hat, im übrigen aber ein erfahrener Theatermann ist und altes Mitglied des Ensembles. Das Theaterkollektiv hat diesen Wechsel angenommen unter einer Bedingung: daß Krejča im Theater bleibt und auch nach England mitfahren darf. Das Gastspiel fand indessen, wie gesagt, nicht statt.

Ein paar Klassiker des zeitgenössischen Theaters haben in der letzten Zeit Zensurmaßnahnen verursacht. Schon im Oktober 1970 waren auf Befehl des Zentralkomitees der Partei Passagen aus Brechts „Mutter Courage“, aus Jean Anouilhs „Becket“ und Christopher Frys „Die Dame ist nicht fürs Feuer“ gestrichen worden: weil sie bei offener Bühne „politischen“ Beifall ausgelöst haben.

Aus den Repliken der Mutter Courage wurden zum Beispiel Sätze wie diese gestrichen: