Von Rolf Zundel

Leverkusen, im Mai

Die Jungdemokraten leben vom Widerspruch zur FDP. Die liberale Nachwuchsorganisation hält von der Partei fast gar nichts, hütet sich aber, mit ihr zu brechen. Auf ihrem Bundeskongreß in Leverkusen verurteilten die Jungdemokraten die Theorie ihrer Partei als nicht existent oder überholt, die Praxis als systemerhaltend oder gar reaktionär. Da sie aber selbst keine eigene Theorie besitzen, sondern nur eine vag-progressive Gesinnung, und da sie kaum eine eigenständige Praxis als Jugendverband haben, leben sie davon, die FDP zu kritisieren. Aber sie. tun es in Grenzen.

Die Politik der FDP reizt sie mehr denn je zum Widerspruch, denn sie betrachten die Freien Demokraten in Bonn und in manchen Landesparlamenten als Bremser des Fortschritts, zugleich aber sehen sie, wenigstens die meisten von ihnen, mehr denn je die Notwendigkeit, sich radikaler programmatischer Äußerungen zu enthalten-, damit die Wahlchancen der FDP nicht beeinträchtigt werden, damit sich die Bonner Koalition gegen, das sogenannte „Rechtskartell“ behauptet.

Solcher Widerstreit zwischen Neigung und Notwendigkeit führt zwangsläufig zu merkwürdigen Situationen. Der FDP-Bundesvorsitzende Walter Scheel, unversehens in Leverkusen aufgetaucht, wurde mit herablassend-wohlwollendem Beifall begrüßt und sogar einer Befragung unterzogen. Seine Antworten – ein Plädoyer für Stabilität, die Verteidigung einer interessenorientierten gegen eine moralistische Außenpolitik, die Verkündung des Grundsatzes: besser kleine Reformen als gar keine – fanden wenig Gegenliebe. Ein Teil der Delegierten verließ ohne große Entrüstung, aber deutlich desinteressiert den Raum. Scheels Warnung freilich, die Kritik an der FDP nicht zu überziehen und daran zu denken, daß die FDP eben kein Debattierklub sei, sondern Politik machen müsse, wurde befolgt. Nach allerdings harter Diskussion wurde ein Antrag, unverzüglich die Ratifizierung des Moskauer und Warschauer Vertrags im Bundestag durchzusetzen, mit deutlicher Mehrheit abgelehnt. Man wollte dem Außenminister nicht ungebührlich in seine Geschäfte hineinreden.

Die Jungdemokraten sind, bei allem Engagement, die verspielteste Parteijugend der Bundesrepublik. Daß Genscher, wie es ein Delegierter formulierte, „kein Mann liberaler Prinzipien ist, sondern ein sturer Funk onalist“, war beschlossene Sache, darüber brauchte man sich gar nicht weiter zu erregen. Niemand kam auf den Gedanken, ein flammendes Manifest gegen den Genscherismus zu verfassen. Statt dessen behandelte der Kongreß einen ironisch gemeinten Antrag, in dem Genscher wegen seiner revolutionären Gesinnung zum Bundesvorsitzenden der FDP vorgeschlagen wurde, und lehnte ihn, selbstverständlich, ohne Gegenstimme ab.

Mit sichtbarem Vergnügen diskutierten die Jungdemokraten einen Antrag, den ein Hamburger Delegierter in zitronengelbem Unterhemd und wallendem Lockenkopf eingebracht hatte, und der von der „emanzipatorischen und demokratisierenden Wirkung“ der Sexualität, handelte. Sie demonstrierten überzeugend, wie auch bierernstes Soziologendeutsch zum Lustgewinn genutzt werden kann. Solches Spiel wäre bei, Jungsozialisten wohl nicht möglich gewesen, und wohlauch nicht, daß einige Antragstexte durch geschickte Analyse ihrer Sprache lächerlich gemacht wurden.

Ernsthaft und verbissen wurde in Leverkusen eigentlich nur um ein einziges Wort gestritten, um die Vokabel „antikapitalistisch“. Der alte und neue Vorsitzende Heiner Bremer machte sogar seine Kandidatur für den Vorsitz davon abhängig, daß dieses Wort gestrichen werde. Er sprach sich gegen eine „pauschale und undifferenzierte Ablehnung des Kapitalismus“ aus. Dies sei letztlich „eine deklamatorische Formel, die nichts bewirkt, aber, sehr viel verhindert“. Eine Minderheit war dagegen der Ansicht, daß „liberale Politik, konsequent durchgeführt, antikapitalistische Politik sein muß“, und daß die Jungdemokraten dies auch offen sagen müßten.

Hier kam die Diskussion in die Nähe einer Grundsatzdebatte, denn schließlich handelt es sich dabei ja nicht nur um ein taktisches Problem, es geht nicht nur darum, ob man auf den Gebrauch eines solchen Reizwortes verzichtet. Wenn moderner Liberalismus nur als Antikapitalismus definiert wird, bleibt von einer eigenständigen liberalen Theorie nichts mehr übrig. Die Kritik des Kapitalismus haben andere, zum Beispiel die Jungsozialisten, besser besorgt.

Ein Teil der Delegierten empfanden sich denn auch als Sozialisten, einer meinte: „Liberalismus erzeugt bei mir nur Übelkeit.“ Die Grundsatzdiskussion könne erst dann beginnen, wenn eindeutig Stellung gegen den Liberalismus bezogen würde, die Konsequenz sei „letzten Endes, daß sich unser Verband auflöst“.

Ob nun die Mehrheit der Jungdemokraten aus taktischen oder aus grundsätzlichen Gründen die Formel vom „Antikapitalismus“ ablehnte, bleibt zweifelhaft, jedenfalls war die sozialistische Minderheit verstimmt, und als sie dann am Ende nur einen statt der gewünschten zwei Kandidaten in den Vorstand durchbrachte, zogen die Linken – sie kamen vor allem aus Berlin, Niedersachsen und Hamburg – verärgert aus dem Plenum aus. Auch-dies war freilich kein dramatischer Auftritt, und es ist keineswegs sicher, ob sie den Verband verlassen werden, denn sogar sie wissen, daß ihre politische Bedeutung letztlich in der Verbindung mit der FDP liegt.

Freilich ist auch die FDP auf die Jungdemokraten angewiesen. Die Partei bedarf durchaus des kritischen Korrektivs, und sie hat immer wieder in den Wahlkämpfen vom Engagement der Jungdemokraten profitiert. Und so wird es vermutlich noch eine Weile bleiben. Die Jungdemokraten werden weiter zähneknirschend, aber loyal für die FDP arbeiten.