Das Weltgewissen begrub den Indianer vorzeitig unter einem Berg künstlicher Phantasieblumen. Nach der Ausrottung der roten Stämme Nordamerikas haben Heere von Schriftstellern und Drehbuchautoren ein Panoptikum verdrehter und verniedlichter Zerrbilder vom „Indianer“ geschaffen. Aber um die noch lebenden Rothäute in ihren abgeschiedenen Reservaten kümmerte sich die Welt sehr wenig. Erst als mit der „Black-Power-Bewegung“ der Neger auch die „Red Power des Indianertums auftrat, erinnerte man sich ihrer. Seit den Sympathiekundgebungen des Senators Robert Kennedy sorgt sich auch ein Teil der politisch aktiven amerikanischen Jugend um das Schicksal der roten Rasse. Jene Stimme, die John Adams, wie er 1812 an Jefferson schrieb, „für immer“ zum Schweigen gebracht sehen wollte (und mit ihm wollten es die meisten weißen Neusiedler), verlangt erneut, gehört zu werden.

Der Sucht nach Neuland und Bodenschätzen standen etwa 900 000 indianische Ureinwohner des neuentdeckten Kontinents im Wege. Das langsame Sterben des roten Mannes beginnt mit der Ankunft des ersten weißen Mannes zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Massakern und Kriegen folgten Krankheit, Alkohol, Hunger, Verelendung, die scheinbar unvermeidbaren Begleiterscheinungen weißer Landnahme. „Wir werden gezwungen sein, sie wie Tiere aus den Wäldern in die Felsengebirge zu treiben“, schrieb derselbe Thomas Jefferson, der dem Volk der Cherokesen, das als Musterbeispiel gelungener Anpassung an die christliche Zivilisation galt, seinen Schutz zugesichert hatte. Ein andermal bekräftigte er: „Ich werde niemals aufhören, sie zu verfolgen!“

Frühamerikanische Endlösung der Indianerfrage! Wie die Statistik aussagt, wurde die rote Bevölkerung in Nordamerika von ursprünglich etwa 890 000 auf 270 000 im Jahre 1901 dezimiert, also auf rund ein Drittel der autochthonen Bevölkerung. Im Kalifornien des Goldrausches zählte man 1848 noch 100 000 Indianer, 1859 waren es nur noch 30 000, 1895 noch 15 000, bis 1911 der letzte freie Indianer wie ein von weitem zugereistes Stück Wild, verstört vor Angst und Hunger, im Hof des Schlachthauses von Orville auftauchte.’ Anthropologen und Sprachforscher stürzten sich auf ihn. Er lebt seitdem unter dem Schutz eines Museums.

Hinter solch nüchternen Zahlen verbergen sich viele Verbrechen: etwa die totale Ausrottung der reichen Büffelherden, von denen die Indianer lebten. 370 Verträge hat die Regierung gebrochen! Der „Wilde“ wurde von den puritanischen Einwanderern nicht mit dem Menschen, sondern mit jagdbarem Wild gleichgesetzt, eine halbe Stufe tiefer noch als der schwarze Sklave, den man, wie das Haustier, wohl schikanieren, nicht aber einfach abschießen zu dürfen glaubte. Es hat lange gedauert, bis diese Einstellung überwunden war. Vor 1924 ist kein Indianer in den Genuß der Bürgerrechte gekommen. Noch 1940 verweigerten sieben Staaten den Indianern das Wahlrecht.

Das endgültige Aussterben der roten Rasse scheint heute gebannt. Bei besonders begünstigten Stämmen wie den Navajo, auf deren Reservation wertvolle Bodenschätze gefunden wurden, stieg die Kopfzahl in weniger als einem Jahrhundert von 8000 wieder auf 90 000 an. Diese Statistik darf aber nicht über das moralische und wirtschaftliche Elend dieser sozial tiefstehenden Volksgruppe hinwegtäuschen. Das Einkommen einer Indianerfamilie beträgt im Durchschnitt pro Jahr etwa 1500 Dollar: manche verdienen nur 100. Die Arbeitslosigkeit steigt in manchen Reservationen bis zu 86 Prozent; 50 bis 75 Prozent aller Indianer sind ständig oder häufig ohne Arbeit (hierbei muß man aber ihre spezifische Mentalität, die der Leistungsgesellschaft trotzen will, in Rechnung stellen). Solch traurige Fakten erfährt man aus dem Buch

Siegfried von Nostitz; „Die Vernichtung des roten Mannes“; Dokumentarbericht; Verlag Eugen Diederichs, Düsseldorf 1970; 157 S., 16,80 DM.

Der Autor, dessen diplomatische Laufbahn 1935 an der Ostküste der Vereinigten Staaten in New York begann und 1970 an deren Westküste in San Francisco endete, sieht seine selbstgestellte Aufgabe darin, diese Völkertragödie anzuprangern. Die letzten sieben Jahre war er Generalkonsul in der Stadt, deren Wahrzeichen, die „Golden Gate Bridge“, den Blick auf die ehemalige Todesinsel „Alcatraz“ freigibt, deren Besitz die überlebenden Indianer für sich beanspruchen, um sie zum Mahnmal ihrer Existenz zu gestalten. Nostitz fragt: „War es ein verhängnisvolles Naturereignis, im Sinne eines unausweichlichen Schicksal, das die Auslöschung einer Rasse durch eine stärkere herbeiführte? Oder war es beabsichtigter Völkermord (Genocid) im Sinne der UNO-Konvention von 1948?“