Von Wolfgang Müller-Haeseler

Nur eine Bahnschranke trennt die Zukunft von der Vergangenheit. Diesseits der Eisenbahnlinie, die die Stadt Gronau nahe der holländischen Grenze durchschneidet, residiert in einem alten Backsteinbau aus dem letzten Jahrhundert die Textilfirma M. van Delden, jenseits der Schienen, in einem modernen Natursteinbau mit hohen, hellen Fenstern, die Firma Gerrit van Delden.

Gerrit van Delden, das den fast namensgleichen Konkurrenten vor knapp zwei Jahren übernahm, hat unter den führenden deutschen Textilunternehmen wohl den steilsten Aufstieg erlebt. Heute steuert die Gruppe als erster Textilkonzern der Bundesrepublik einen Jahresumsatz von einer halben Milliarde Mark an. Ursprünglich sollte dieses Ziel schon 1971 erreicht werden, aber die rückläufige Preisentwicklung vor allem bei Chemiefasern hat dieses Ereignis um ein Jahr hinausgeschoben. 1970 wurden, statt der geplanten 450 Millionen erst 431 Millionen Mark erreicht. Dennoch ist das Gronauer Unternehmen mit der Umsatzsteigerung von kläglichen 32,3 Millionen Mark im Jahre 1970 auf knapp eine halbe Milliarde ein Beweis, daß trotz allen Jammerns und Klagens die Textilunternehmen nicht unabwendbar zum Aussterben verurteilt sind.

Van Delden ist nicht das einzige Unternehmen, das aus den Schwierigkeiten, die die Aufwertung der Mark 1961 der Textilindustrie bescherte – seither schlossenfast 700 Betriebe ihre Pforten –, die Flucht nach vorn antrat. Unter den 150 größten Textilunternehmen der Welt finden sich immerhin 26 deutsche Betriebe, der Zahl nach nur übertroffen von den USA mit 40 Unternehmen und England mit 27. In der Spitzengruppe der deutschen Konkurrenten stehen neben der Van-Delden-Gruppe so renommierte Namen wie Dierig, Heinrich Kunert, Adolff, Nino, Schulte & Dieckhoff und Girmes, fast alles Unternehmen, die von der Monostruktur einer Sparte in die Diversifikation gegangen sind und meist die ganze Breite der Textil Verarbeitung von Tuchen und Stoffen über die Wäscheindustrie bis zu Teppichböden und Dekorationsstoffen bedienen.

Hendrik van Delden, der heute zusammen mit seinem Vetter Gerrit jun. in der vierten Generation das Unternehmen führt, reagiert unwirsch, wenn die Klagen der Textilindustrie in der Befürchtung enden, der freie Markt werde die ganze Branche ruinieren: „Wie kann eine Branche aussterben, die in Textil und Bekleidung 875 000 Menschen beschäftigt; rechnet man die Textilmaschinenindustrie dazu, sind es sogar 1,2 bis 1,3 Millionen, die zusammen etwa 60 Milliarden Mark, knapp ein Zehntel des deutschen Bruttosozialprodukts, umsetzt?“

Nach 1945 mußte sich sein Vater, Dr. Gerrit van Delden sen., genauso durchkämpfen wie zahllose andere mittelständische Unternehmen, deren Anlagen überaltert oder zerstört waren, die keine Rohstoffe bekamen und deren Absatz reglementiert wurde. Zwei Jahre nach der Währungsreform setzte Gerrit van Delden 32 Milliolionen Mark um, ein Jahr später 52,7 Millionen, um dann in einem wechselvollen Auf und Ab bis 1958 einen Umsatz von knapp 60 Millionen Mark zu erreichen.

Immerhin hatte es auch in Gronau vier Jahre gedauert, bis sich die Erkenntnis durchsetzte, daß unter dem Ansturm der Konkurrenz aus den Billigpreisländern und angesichts der immer weiter fortschreitenden Liberalisierung der deutschen Importpolitik ein einseitig auf Garne ausgerichtetes Textilunternehmen wenig Zukunftschancen haben konnte. Die Welle des Nachholbedarfs war in den Jahren 1954/55 ausgelaufen, aus dem Verkäufermarkt wurde ein Käufermarkt. Die Zeit des großen Sterbens in der Textilindustrie begann. Viele gaben damals auf – von 1954 bis 1958 nicht weniger als 200 Betriebe.