Von Iring Fetscher

Es fällt schwer, sich vorzustellen, daß Georg Lukács aufgehört hat, mit seinem hellwachen Intellekt ständig neu sich selbst und die zeitgenössische Welt in Frage zu stellen. Bis zuletzt war er bereit hinzuzulernen, sich zu korrigieren, neu zu beginnen. Sein Denken blieb lebendig, auch als die schwere Krankheit, unter der er seit dem vergangenen Winter litt, ihn am Arbeiten hinderte. Der Kranke ließ sich nichts von seinem Leiden anmerken, kümmerte sich um Arbeit und Pläne seiner bedeutenden jungen Schüler, setzte sich leidenschaftlich für die Freilassung von Angela Davis ein.

Noch ist es zu früh, das Fazit dieses ungemein reichen und schöpferischen Gelehrten- und Politikerlebens zu ziehen. Das große Manuskript zur Ontologie ist noch nicht veröffentlicht, und vermutlich enthält auch der übrige literarische Nachlaß noch manches, das der Publikation würdig wäre. Der Augenblick zwingt aber zu einer ersten, vorläufigen und subjektiven Besinnung darauf, was Georg Lukács unserer Gegenwart zu sagen hat und womit er in die Zukunft hineinwirken wird.

Von dem bedeutenden und anregenden vormarxistischen Werk soll hier geschwiegen werden. Das Buch „Die Seele und die Formen“ (1911) hat – wie neuere Forschungen zeigen – Thomas Manns „Tod in Venedig“ inspiriert, die „Theorie des Romans“ (1916) ihren Verfasser berühmt gemacht.

Die Arbeiten des Marxisten Lukács kann man in drei Gruppen einteilen: die Frühschriften zur Organisationsfrage und „Geschichte und Klassenbewußtsein“ (1923) sowie die sich daran anschließenden Essays über Lenin und Moses Heß; die literaturkritischen und historischen Arbeiten der dreißiger und vierziger Jahre, von denen viele erst nach 1945 erschienen und bekannt wurden, und endlich die politischen Artikel und Reden der Zeit nach dem 20. Parteitag und die systematischen Arbeiten zur Ästhetik, die in den letzten Jahren entstanden sind.

Seine organisationstheoretischen Frühschriften und „Geschichte und Klassenbewußtsein“ haben die linken Intellektuellen der zwanziger Jahre beeindruckt und wurden unlängst in der antiautoritären Studentenbewegung erneut rezipiert. Wenn Lukács 1920 in seinem Aufsatz „zur Frage des Parlamentarismus“ schrieb: „Wie die Gesamtorganisation der bürgerlichen Gesellschaft, ist auch der letzte, wenn auch selten bewußte Zweck der parlamentarisch-bürgerlichen Parteien: die Verdunkelung des Klassenbewußtseins...“, und wenn er weiter feststellte, daß „das Eigenleben des Wahlmechanismus... fast immer die Parolen in der Richtung auf ein Ge-Winnen der ‚Mitläufer‘ beeinflusse“ und damit „die verhängnisvolle Gefahr in sich berge, Gesinnung und Tat voneinander zu trennen und so eine Neigung zur Bürgerlichkeit, zum Opportunismus zu wecken“, dann entsprach das ganz der antiparlamentarischen Einstellung der Neuen Linken, wie sie zum Beispiel von Agnoli formuliert worden ist.

Diesen Aufsatz hat Lenin seinerzeit entschieden kritisiert. Lukács hat daraufhin seine allzu einseitige Verurteilung des Parlamentarismus korrigiert. Heute schien ihm die Festigung der Demokratie in Deutschland wichtiger zu sein als ein kaum auf der Tagesordnung stehender „Übergang zum Sozialismus“. Ist der frühe Lukács noch oder wieder aktuell? Die Antwort auf diese Frage hängt mit der Antwort auf die Frage nach der künftigen Gestalt einer sozialistischen Demokratie zusammen. Die Debatte ist neu eröffnet worden, weil die dogmatischen Antworten theoretisch und praktisch von der Geschichte desavouiert worden sind.